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„EXZELLENT, UNFASSBAR GUT...“ – Rupert Huber über Cage, Rihm, Killmayer und den BR-Chor

05.09.17 | Christopher Warmuth

Rupert Huber leitet das musica viva Chorkonzert am 28. September 2017 zu Ehren von Wilhelm Killmayer. Dessen selten aufgeführte Chorwerke „Laudatu 1“ und „2“ und „Lauda“ aus den späten sechziger Jahren sind für Rupert Huber eine Entdeckung. Auf dem Programm stehen außerdem Werke von John Cage, Wolfgang Rihm und, gespielt von Peter Kofler, Giacinto Scelsis „In nomine lucis“ für Orgel solo. Das Gespräch mit Rupert Huber führte Christopher Warmuth.

Foto: Rupert Huber (c) Astrid Ackermann

Christopher Warmuth: Sie sind ein Kämpfer für die Stimme und für den Gesang. Warum?

Rupert Huber: Weil wir keine Musik für Stimme haben.

Warmuth: Sie übertreiben…

Huber: Nein! Ich untertreibe. Jeder Mensch kann singen. Aber wir haben kaum vernünftige Chorliteratur. Wir haben keine Möglichkeit, uns spontan musikalisch zu äußern, außer auf dem Fußballfeld. Und das ist – nun, nett ausgedrückt: undifferenziertes Gegröle.

Warmuth: Also ein Grund Robert Moran zu fragen, ob er im Stile von John Cage etwas komponiert?

Huber: Ich könnte mich sonst wo hin beißen, dass ich Cage 1991, als ich ihn kennenlernte, nicht selbst beauftragt habe. Ich habe seine frühen Werken geschätzt, aber nicht die späten.

Warmuth: Moran hat diesen Wunsch jetzt erfüllt?

Huber: Moran ist bekannt für die riesigen Konzeptaufführungen, wo unfassbar viele Mitwirkende beteiligt sind. Ich fragte mich jahrelang, ob das Kitsch oder Qualität ist. Und dann bin ich zu ihm nach Amerika gereist.

Warmuth: So, wie ich sie einschätze, haben sie ihn auch gleich gefragt.

Huber: Exakt.

Warmuth: Nicht sehr nett…

Huber: Er war stocksauer und meinte, dass wir Deutschen einfach nicht akzeptieren können, wenn ein Essen gut schmeckt. Wir müssen immer gleich fragen, was da genau drin ist, anstatt einfach zu essen. Das trifft natürlich auch einen wunden Punkt, weil er selbst kein Intellektueller ist, obwohl er blitzgescheit ist.

John Cage (c) picture-alliance/dpa
John Cage (c) picture-alliance/dpa

Warmuth: Und so kam es zum Auftrag für das Cage-Stück?

Huber: Er hat vier Stücke geschrieben – „Four2 + 1“ bis „Four2 + 4“ – und die mittleren dieses Zyklus wollte ich an den Anfang des Konzertes zu Ehren für Wilhelm Killmayer stellen.

Warmuth: Die Partitur dieser Stücke verstehe ich nicht ganz…

Huber: Es ist eben ein echter Cage. Jede Stimme singt Einzeltöne, die gehalten werden. Es ist keine rhythmisierte Melodie. Der Beginn und das Ende der jeweiligen Liegetöne muss vom Ensemble initiiert werden. Der Chor kann sich nicht an genaue Vorgaben klammern, sondern trifft selbst maßgebliche Entscheidungen für die jeweilige Aufführung. So entstehen verschiedene Zeitklammern, in denen man absichtslos den Beginn und das Ende der jeweiligen Töne wählt und es überlappen sich alle Stimmen – ebenso absichtslos. Wir beim Chor haben vereinbart, dass, wenn ein Ton einmal erklingt, er bis zum Ende gesungen werden muss und nicht abreißen darf.

Warmuth: Aber es kann doch auch sein, dass dann gar nichts passiert, wenn die „Stöckchen-Übergabe“ noch zeitlich nicht vorgesehen ist.

Huber: Genau. Das ist ein kräftiges politisches Statement für unsere offene Gesellschaft. So offen wie das Stück, so offen sollte unsere Gesellschaft auch sein.

Warmuth: In einem Wort – was fasziniert sie an John Cage?

Huber: Relevanz.

Warmuth: Inwiefern?

Huber: Ich muss sagen, was mich abstößt. Da kommt man Cage näher. Er war neurotisch süchtig, unverbindlich zu sein. Er macht keine einzige verbindliche Aussage. Er schreibt einstimmige Sachen, aber ohne Melodie. Warum macht er das?

Warmuth: Das frage ich sie…

Huber: Das ist Programm. Er tut so, als würde er das Radio aufdrehen und was kommt, das kommt – Unverbindlichkeit per Definition. Das ist ein zentrales Kennzeichen der Neuen Musik – ein Misstrauen gegenüber der Intuition, die in den vergangenen Epochen überstrapaziert wurde. Musikalisch ist dieser Zug  abgefahren. John Cage ist alte Musik. Aber seine Relevanz bleibt. Vor allem gesellschaftlich, denn Cage ist Musik unserer Zeit. Und er hat zum Glück das ptolemäische Weltbild obsolet gemacht.

Warmuth: Warum?

Huber: Er hat auf der einen Seite natürlich einen ganz anderen Zugang zur Musik erschaffen und neue Dimensionen eröffnet. Er war es ja, der das antiquierte Komponistenbild eliminierte. Der Komponist ist nicht mehr der Priester seiner Kunst. Zum Glück! Diese Vorstellung vom Heroen, das wir spätestens seit Richard Wagner hatten, hat er zerschlagen. Cage hat uns gezeigt, dass es auch völlig anders geht.

Warmuth: Man könnte Ihnen jetzt vorwerfen, dass Cage nichts wirklich „Neues“ mehr ist…

Huber: Wenn wir es denn verstanden hätten. Wir müssen da weitermachen, wo Cage aufgehört hat. Und wenn man ihn heute spielt, ist das vielleicht nichts mehr Neues, aber ich kenne niemanden, der aus einer Cage-Aufführung geht und gequält ist. Das Publikum ist gelöst. Und dennoch regt seine Musik an.

Rupert Huber (c) Astrid Ackermann
Rupert Huber (c) Astrid Ackermann

Warmuth: Um dann mit Wolfgang Rihms „Missa brevis“ und Wilhelm Killmayers „Laudatu 1“ und „2“ und „Lauda“ geschockt zu werden?

Huber: Fragen sie mal den Chor! Für den Chor des Bayerischen Rundfunk war das ein Schock. Ich habe in einem Interview gelesen, dass Herr Rihm sich wünscht, dass seine „Missa brevis“ von Laienchören gesungen werden kann. Dafür ist es aber in den größten Teilen zu schwer.

Warmuth: Das Notenbild sieht eigentlich relativ übersichtlich aus…

Huber: Das stimmt. Aber diese Musik muss perfekt interpretiert werden, sonst verliert sie Prägnanz. Der Chor des Bayerischen Rundfunk ist exzellent und genau richtig für solche Arbeit im Detail und dann wird das Stück atemberaubend. Man muss extrem auf Artikulation achten und kleine Strukturen herausarbeiten, sonst wird die Messe sehr schwammig.

Warmuth: Was ist für sie das Spannendste an der Messe?

Huber: Wolfgang Rihm ist unfassbar intellektuell. Das Stück ist sehr grübelnd. Es ist fast eine Messe über das Christentum und er reflektiert die Kultur der Religion. Sein postmodernes Komponieren öffnet die Möglichkeit, verschiedene Stile herzunehmen und in der Kombination Neues zu schaffen. Das führt bei diesem Stück dazu, dass die Geschichte des Abendlandes permanent verfügbar ist. Er bezieht sich auf die Vokalpolyphonie, es beinhaltet die Messform und teilweise höre ich da auch die Wiener Klassik. Rihm setzt die Polyphonie nicht so bindend ein, wie es zur Zeit von Johann Sebastian Bach üblich war.

Warmuth: Warum wird die Messe nun mit den drei Stücken von Killmayer verschränkt?

Huber: Jeder Satz von Rihm dauert ein paar Minuten und ebenso auch die Killmayer-Stücke, das bietet sich an. Gerade die Kombination von beidem finde ich sehr spannend, wenn sie ineinander übergehen und in den jeweils anderen nachklingen.

Warmuth: Also war es eher eine formale Entscheidung?

Huber: Nein. Nicht nur. Es bietet sich hier sehr an, weil diese zwei Komponisten sich sehr ähnlich sind und sehr gut zusammen funktionieren. Die beiden waren ja auch enge Gesprächsfreunde. Und ich greife mein Argument der Postmoderne nochmals auf, bezüglich der Verschränkung: Der eine gibt dem anderen etwas und umgekehrt.

Warmuth: Wo unterscheiden sich die beiden denn?

Huber: Rihm ist rhythmisch und melodisch polyphon, aber ohne Regeln. Die transportierte Atmosphäre ist größtenteils bekannt. Die Referenzen sind deutlich gesetzt. Man versteht es vor allem vor dem Hintergrund der abendländischen Polyphonie.

Warmuth: Und Killmayer?

Huber: Er hat gehörig entrümpelt und keine Referenz. Er reduziert die Musik und schmeißt alles raus und das schonungslos. Die Stimmungsträger lässt er übrig. Da sind kaum noch Töne oder Parameter da, sondern nur noch kleine Elemente, die Stimmungen vermitteln und so intelligent miteinander verbunden werden, dass sie etwas Größeres ergeben. Diese Musik ist überhaupt nicht melodisch-rhythmisch geprägt, sondern sie definiert sich über den Klang. Diese Atmosphäre kannte ich davor gar nicht, nicht nur von Killmayer nicht, sondern generell ist mir das noch nie begegnet. Das sind Schlüsselwerke.

Warmuth: Dennoch zählt Killmayer sie ja nicht einmal in seinem Werkkatalog der wichtigsten Werke auf…

Huber: Das verstehe ich wirklich nicht. Mir ist das auch aufgefallen. Ich habe diese Stücke Anfang der Neunziger entdeckt und damals habe ich sie mit einem Stück von Luigi Nono kombiniert mit dem SWR Vokalensemble. Das habe ich damals durchgesetzt. Ich bin ja ein Dickkopf.

Warmuth: Der Kämpfer für Stimme…

Huber: Da der Kämpfer für Killmayer! Nono ist die adäquate Kragenweite für diese Stücke. Für mich sind das wirklich mit die gewichtigsten Stücke von Killmayer. Sie sind in seiner mittleren Schaffensperiode entstanden. Diese drei Stücke sind sehr eingänglich. Und wenn angesichts dessen noch jemand vom „Münchner“ Komponisten spricht, wie es manche Intendanten und andere Komponisten gerne abschätzig tun, dann hat er keine Ohren am Kopf. Das ist Musik auf Weltniveau. Ganz großartig! Diese Musik hat einfach keine Referenz nötig.

Warmuth: Jetzt liegt ja aber eine Referenz zu Grunde, die Texte von Franz von Assisi.

Huber: Die sind aber so zerstückelt und so lange ausgedehnt, ähnlich einem Organum, dass man sie gar nicht versteht. Und das muss man auch nicht. Sie waren vielleicht nur der Aufhänger. Das, was daraus entstanden ist, ist für sich ganz groß. Und diese Größe habe ich auch jetzt erst bei Killmayer kennengelernt. Ich fand ihn schon immer sehr gut, aber das ist unfassbar. Als ich Wilhelm Killmayer kennengelernt habe im Jahr 1985, da hat er für die Salzburger Festspiele eine Bühnenmusik für den „Seidenen Schuh“ von Paul Claudel geschrieben. Das war unfassbar gut besetzt. Und ich sollte dirigieren.

Warmuth: Lassen sie mich raten. Wie bei John Cage. Sie haben wieder einmal einen Komponisten unterschätzt?

Huber: Nein! Ich war völlig begeistert. Danach war ich im Rausch der Postmoderne. Zum Glück war Killmayer ein Teil meines Lebens, er hat meinen kleinen Salzburger Horizont erweitert. Auf genau diese Musik habe ich lange gewartet.

Wilhelm Killmayer (c) Astrid Ackermann

Warmuth: Ist da die Freundschaft zwischen Ihnen beiden entstanden?

Huber: Ja. Es war seine Musik, die das geschafft hat. Und wir hatten eine gemeinsame Liebe für Friedrich Hölderlin. Das hat damals niemand verstanden. Da waren wir beide Außenseiter, die sich gefunden hatten.

Warmuth: Herr Huber, das ist das erste Mal während unseres Gespräches, dass Sie nicht hitzig diskutieren. Sie sind beinahe ruhig …

Huber: Ich habe einen unfassbaren Respekt vor Killmayer gehabt, dass er so viel Mut aufbringt. Mut, Dinge wegzulassen. Das ist sehr schwer.

Warmuth: Ist das das Zentrale bei Killmayer?

Huber: Das ist schwierig, das einheitlich zu sagen. Normalerweise hatte er ja einen Faible für musikalische Possen. Eine enorme Qualität ist, dass er einer der wenigen ist, der mit Chor umgehen kann. Am Anfang kam Killmayer irgendwie vom Neoklassizismus. Dann kommt die mittlere Zeit, die ich sehr hoch einschätze. Da sind auch die drei Stücke, die wir aufführen, entstanden. Und die Spätphase ist mir noch rätselhaft.

Warmuth: Geplant war ein Geburtstagskonzert, also eine Huldigung …

Huber: Ja. Aber vor allem an das Neue. Das ist ein Abend ohne Geschmacksverstärker. Ein edles, neues Aroma, das man so noch nicht gehört hat. Und danach wird niemand mehr Killmayer mehr als provinziell bezeichnen. Das ist nicht möglich. Diese Werke sind solitär, neu und unvergesslich.

 

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung von September 2017 beiliegt.

Weitere Informationen zum Chorkonzert am 28.9.2017 im Rahmen des musica viva Wochenendes vom 28.-30. September 2017 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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