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MYSTERIEN DES GLAUBENS – Zwei neue Werke von Mark Andre

14.06.17 | Patrick Hahn

Ein Text von Patrick Hahn über Mark Andre, den Träger des Happy New Ears-Kompositionspreises 2017, und seine "Ästhetik des Verschwindens". Die Preisverleihung findet am 7. Juli 2017 in München statt, außerdem werden zwei neue Werke am 6. Juli 2017 mit dem Arditti Quartet und am 7. Juli 2017 mit dem Symphonieorchester des BR uraufgeführt.

Nachdem die Concorde es dem Jet-Set möglich gemacht hatte, den gleichen Jahreswechsel zunächst in Paris, anschließend im Flugzeug und schließlich auf dem Silvesterempfang in der französischen Botschaft in Washington zu feiern, analysierte der Philosoph Paul Virilio eine der gewaltigsten Veränderungen der Moderne: Die Geschwindigkeit bringt in der Moderne die Realität zum Verschwinden.

An die Stelle tritt die Simulation, in der sich die menschliche Wahrnehmung in ihrem eigenen Tempo einzurichten vermag. Überholt, getäuscht, überwunden. Seinen epochalen Essay, in dem er die Fragmentierung der Wirklichkeit durch das Reisen im Hochgeschwindigkeitszug ebenso thematisiert wie deren Fiktionalisierung im Bereich der Militärtechnologie, nannte er eine „Ästhetik des Verschwindens“.

Auch der aus Frankreich stammende, doch schon seit vielen Jahren als Mensch und Komponist in Deutschland heimisch gewordene Mark Andre arbeitet seit einigen Jahren auf seine Weise an einer „Ästhetik dieses Verschwindens“. Sie speist sich in seinem Falle jedoch nicht aus den Simulakren der Geschwindigkeit, sondern aus den Mysterien des Glaubens. Das unheimliche Verschwinden des Leichnams Jesu Christi aus dem Grab und die Präsenz, die „der Verschwundene“ dennoch entfaltet, sind Schlüsselmomente nicht nur für das christliche Denken, sondern auch für die Kompositionsästhetik von Mark Andre. Die Präpositionen, die vielen seiner Werke als Titel dienen, sind meist verborgene Hinweise auf Texte des neuen Testaments, lauten sie nun durch, zu, in, da oder auf.

Das neue Orchesterwerk, das Mark Andre im Auftrag der musica viva für das BR Symphonieorchester schreibt, trägt den Titel „woher…wohin“ – und die erste Partiturseite weist auch diese scheinbar ubiquitären, geradezu alltäglichen Fragen als Zitat aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 3, Vers 8, aus: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren wird.“ In seinem neuesten Orchesterwerk geht es ihm, wie er sagt, „um eine Musik des Entschwindens, um das Einverleiben der kompositorischen Zwischenräume des Entschwindens.“ Es ist ihm selbstverständlich bewusst, dass er mit dieser Thematik an das Wesen der Musik selbst rührt: Ist doch die Zeitkunst Musik stets eine Kunst, die sich verflüchtigt, noch im Moment der Aufführung – und die doch im Inneren des Zuhörers nachhallt. Über diese grundsätzlichen Reflexionen hinaus hat er die Zwischengrade zwischen der Emergenz und dem Ephemeren in seinen bisherigen Werken aufs Raffinierteste ausgeschrieben. Seiner Tendenz zur Reduktion, zur Verknappung, zur Komprimierung auf die Essenz scheinbar entgegengesetzt hat Mark Andre diese Zwischenräume zuletzt in großformatigen Werken gefasst: seiner Oper „in vier Klangsituationen“ mit dem Titel „wunderzaichen“ und in seinem Klarinettenkonzert „über“, dem nicht nur der Uraufführungsinterpret Jörg Widmann eine Transzendenz von geradezu „mozartischen Dimensionen“ attestiert.

Für das BR Symphonieorchester schreibt Mark Andre derzeit an „sieben Miniaturen“ für Orchester. Nicht der Apparat wird hier verkleinert – der bis auf ein Klavier und ein Akkordeon weitgehend einem spätromantischen Symphonieorchester entspricht –, sondern die Form verdichtet. „Es ist eine andere Herausforderung, die Mikroform und die Makroform miteinander zu verbinden, wenn man Miniaturen schreibt. Es gibt einem aber auch als Hörer ganz andere Möglichkeiten, sich ein Stück ‚einzuverleiben’, emotional und intellektuell, wenn es sich ganz komprimiert abspielt. Es hat mir geholfen, auch neue Wege innerhalb meines Komponierens zu entdecken.“

Die Konzentration, die „kleine Form“ verbindet Andres Orchesterstück „woher…wohin“ mit seinem Ersten Streichquartett, das ebenfalls im Rahmen der musica viva uraufgeführt werden wird. „Ich gehöre zu jener Generation, die in Darmstadt die ersten Ehrfurcht einflößenden Konzerte des Arditti Quartets gehört hat, bei denen es eine schier unfassbare Zahl von neuen Werken uraufgeführt hat, mit einer Virtuosität und einer Bandbreite, die einen beim Schreiben geradezu blockieren kann. In gemeinsamen Tryouts haben wir nun einen Ansatz für das Quartett gefunden, der hoffentlich auch neue Facetten der Ardittis zum Vorschein bringen wird. Es geht mir nicht nur um Kammermusik. Es geht mir um eine intime Situation. Um das berühren. Um das Streichen.“ Schon Beethoven und Webern haben bewiesen, dass Miniaturen keine Kleinigkeiten sind.

 

Den Text finden Sie auch in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks welche der Neuen Musikzeitung von Februar 2017 beilag.

Die Preisverleihung findet am 7. Juli 2017 um 17.00 Uhr statt. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter www.br-musica-viva.de.


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