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2017/12 nmz

ADÁMEK UND BACH - Isabelle Faust bei der musica viva

22.11.17 | Margarete Zander

Am 14. und 15.12.2017 ist Isabelle Faust zu Gast bei der musica viva und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Neben der Uraufführung des für sie geschriebenen neuen Violinkonzertes von Ondřej Adámek führt sie in zwei Rectial-Abenden alle Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach auf. Mit Isabelle Faust sprach Margarete Zander über ihre Konzerte bei der musica viva.

Foto: Isabelle Faust (c) Felix Bröde

Margarete Zander: Das Thema Darmsaiten oder Stahlsaiten war früher eine Glaubenssache, Sie gehen das Thema pragmatisch an und wechseln einfach die Saiten, wenn Sie Ondřej Adámek spielen.

Isabelle Faust: Oh ja, natürlich. (lacht) Ich passe mich im Grunde immer dem Tasteninstrument oder den Ensembles an, mit denen ich zu tun habe. Wenn ich zum Beispiel Bachs Solosonaten und -partiten spiele, dann mache ich mir nicht die Mühe, auf Darmseiten zu wechseln, auch wenn ich einen Barockbogen benutze; denn für mich überwiegen die Schwierigkeiten, die solche Darmseiten mit sich bringen – fast schon über dem Vorteil dieses Darmseiten-Klanges.

Wenn ich allerdings die Bachsonaten mit Cembalo spiele, dann wechsle ich tatsächlich nicht nur die Saiten, sondern ich wechsle auf eine Barockgeige, eine Steinergeige, denn diese fügt sich viel besser in diesen Klang hinein; die Geige darf bei diesen Sonaten auf keinen Fall das Cembalo erschlagen. Und ja, wenn ich Adámek mit einem modernen Orchester spiele, dann sind natürlich moderne Saiten aufgezogen. Und so muss man das meiner Ansicht nach machen: sich anpassen.

Zander: Einerseits gibt Ihnen eine Uraufführung viel Freiheit, andererseits ist der Komponist selber anwesend, Sie haben also auch eine große Verantwortung ihm gegenüber. Ist das ein bisschen ein Spagat, oder finden Sie das vielleicht sogar zauberhaft?

Faust: Ich finde das immer etwas stressig. Vor allem das erste Mal, wenn man sich zusammensetzt. Denn der Komponist hat immer sehr hohe Erwartungen. Natürlich hat er ein ganz präzises Klangbild im Kopf und hätte es vermutlich gerne von der ersten Minute an genauso. Man versucht, dem irgendwie zu entsprechen, aber natürlich ist es unmöglich, wenn man auch noch nicht ganz genau weiß: Wie ist das eigentlich gedacht? Natürlich hat man das Stück schon angeschaut, aber man beherrscht es noch nicht komplett. Es gibt Komponisten, die sofort alles fordern. Mit Adámek ist es sehr angenehm. Er ist ein sehr kooperativer Künstler, beinahe ‚milde‘ in seiner Art – ein ganz unaufgeregter Mensch, aber wohl auch sehr meditativ. Aber er weiß ganz genau, was er will, und fordert dann auch viel Bereitschaft, einfach alles auszuprobieren. Und da wird es natürlich sehr spannend. Denn erstens kann man sich selber und schließlich auch die Geige teilweise neu entdecken. Natürlich sagt man erst mal: „Nein, tut mir leid, das geht nicht auf einer Geige.“ Dann probiert man etwas länger, dann merkt man: „Hoppla, das geht ja doch. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.“ Man muss dann manchmal ein bisschen aufpassen, dass nicht Techniken entstehen, die der Geige eventuell schaden. Es ist also ein ständiges Ausloten und ein sich mit sehr viel Phantasie selbst Einbringen. Außerdem kann man einfach fragen, was man bei einem Mozart oder Bach leider heutzutage nicht mehr tun kann.

Ondřej Adámek ist ein sehr, sehr spannender Komponist, mit unkonventionellen klanglichen Vorstellungen, die sich teilweise an Eskimorufen (lacht) orientieren oder an anderen auch sehr folkloristischen Vorstellungen. Jetzt war er gerade drei Wochen auf Bali und hat sich dort inspirieren lassen. Insofern ist es speziell bei diesem Stück wichtig, dass man sich mit ihm zusammensetzt und dass er ganz genau erklärt, wie es eigentlich sein sollte. Diese Punkte und Striche auf einem Notenblatt können ja immer nur symbolisch anhauchen, was eigentlich gedacht ist.

Isabelle Faust (c) Felix Bröde
Isabelle Faust (c) Felix Bröde

Zander: Waren Sie skeptisch, als Sie gehört haben, dass er eine Partita von Bach zitiert – ein Stück, das Ihnen persönlich sehr am Herzen liegt?

Faust: Nein, denn er hat es ja in einen ganz anderen Kontext eingebunden, und ich finde das eigentlich eine wunderschöne und sehr respektvolle Geste an dieses unerreichbare Repertoire.

Zander: Damit sind wir bei dem ‚unerreichbaren Repertoire‘. Seit wann spielen Sie Bachsonaten und -partiten?

Faust: Uh, das ist ja ein enormes Werk, das man ganz, ganz vorsichtig bereits in den frühesten Jahren angeht, wenn man ein bisschen Geigentalent (lachend) zeigt. Meinen ersten Siciliano-Satz habe ich für `Jugend musiziert´ gelernt, da war ich wahrscheinlich 8 Jahre alt. Und dann robbt man sich über viele, viele Jahre vor, bis man dann vielleicht doch irgendwann mal bei der C-Dur-Fuge angekommen ist.

Zander: Innerhalb der Sonaten und Partiten gibt es viele Momente, die eingängig sind. Sie werden häufig als beliebte Zugabenstückchen präsentiert, die man fast mitpfeifen kann – französische oder italienische, sehr gesangliche Stücke jedenfalls. Und es gibt die Stücke, wie eben diese Fuge in C-Dur, die derart klug und architektonisch kunstvoll gebaut ist, dass man sich vor ihr verneigt, dass man den Schöpfergott dahinter schon sieht als jemanden, der einfach das Großartigste auf die Welt bringen kann, oder Gedanken, die einen zum Höchsten führen. – Halten Sie das jetzt für pathetisch, was ich sage, oder ist es tatsächlich bei Ihnen so, dass Sie sagen: „Das ist ein Bauprinzip, dafür gibt es nur den Begriff „göttlich““?

Faust: Ich sehe das schon so. Ich stehe jeden Tag vor diesem Werk und denke mir: Wie konnte er das schreiben? Vor allem auch: Wie kam er auf die Idee, so etwas für eine Geige zu schreiben? Abgesehen natürlich von dem gesamten Bach-Werk, was niemand verstehen kann, wie so etwas in einem einzigen Leben möglich war, auf so geniale und eben göttliche Art und Weise so viel zu schreiben. Und gerade die Sonaten und Partiten für Geige. Wir haben ja leider keine Hinweise: Was war der Anlass, dieses Werk zu schreiben? Wo wollte er das einsetzen? Denn vieles seiner Musik ist ja eigentlich Gebrauchsmusik in dem Sinne, dass er halt für den Sonntag wieder eine Kantate schreiben musste. Diese Sonaten und Partiten werden da nicht einsetzbar gewesen sein. Ich kann es mir eigentlich nur so vorstellen, als ob er mit sich selbst so eine Art Wettbewerb veranstaltet hat: Wie weit kann ich Polyphonie auf ein Melodieinstrument übertragen? Und dabei ist etwas herausgekommen, was bis heute niemand mehr so hinbekommen hat.

Zander: Sie spielen sämtliche Sonaten und Partiten an zwei Abenden. Wie kann das gelingen? Ist das wie ein Marathon-Lauf?

Faust: Nein, das ist nicht wie Marathon-Laufen. Aber es hat etwas mit der Zeit zu tun, die man dann tatsächlich noch mehr vergisst. Ich bin mir bewusst, dass zu Bachs Zeiten niemals sechs hintereinander gespielt worden wären. Das ist komplett undenkbar. Ich bin gar nicht sicher, ob sie überhaupt gespielt wurden. Keiner weiß, was mit diesen Sonaten und Partiten eigentlich gedacht war. Und natürlich kann man sie auch einzeln oder in Zweier- oder Dreiergruppen spielen. Für mich ist es ein ganz besonderes Erlebnis, sowohl spielenderweise als auch zuhörenderweise, in diese Welt, die eben doch so großartig wie eine Kathedrale gebaut ist, komplett einzutauchen und sich wirklich die Zeit zu nehmen, jede Säule genau anzuschauen, jedes Fenster genau unter die Lupe zu nehmen, sich da also wirklich einmal voll und ganz hinein zu begeben. Und dafür braucht man Zeit, finde ich. Und wenn man dann einmal darin ist, dann ist es wunderbar, diesen großen Bogen bis zur d-Moll-Partita, bis zur Chaconne zu ziehen. Und es ist natürlich eine Anstrengung und eine Konzentrationsleistung – für mich sowieso, aber auch für das Publikum. Und natürlich ist hinterher jeder erst einmal so ein bisschen erschlagen. Aber ich habe noch keinen aus diesem sogenannten ‚Marathon‘ herausgehen sehen, der dann meinte: „Das war wirklich nicht notwendig.“ Nach zwei Sonaten mache ich eine schöne Pause, damit jeder einmal kurz Luft holen kann, einmal den Kopf auslüftet. Aber sich sofort wieder da hinein zu begeben, das ist so viel leichter, als wenn man das zerstückeln würde. Es gibt eben Komponisten, wo es wirklich lohnt, einmal den ganzen Abend mit ihnen zu verbringen.

 

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung von Dezember 2017 beiliegt. Das Gespräch wurde im September 2017 geführt. Die vollständige Fassung erscheint in den Programmheften zu den musica viva-Konzerten mit Isabelle Faust.

Weitere Informationen zu den Konzerten Recital I am 14.12.2017 und Recital II am 15.12.2017 mit den Bach-Sonaten und -Partiten sowie zum Orchesterkonzert am 15.12.2017 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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