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Aus den Fesseln befreit

05.07.18 | Max Nyffeler

Am 28. September 2018 gibt das Ensemble Modern Orchestra unter der Leitung von Enno Poppe ein Gastspiel zur Eröffnung der musica viva Saison 2018/2019. Neben Werken von Anton Webern kommt das Werk "passage/paysage" von Mathias Spahlinger zur Aufführung. Max Nyffeler über das Programm des Abends.

Zum Orchesterstück „passage/paysage“ von Mathias Spahlinger

Wie ein erratischer Block liegt das Orchesterstück „passage/paysage“ in der musikalischen Landschaft. Musikalisches Hartgestein, unverrückbar, von imposanter Erscheinung und alle Proportionen sprengend. Fast drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung befasst sich nun das Ensemble Modern Orchestra mit diesem Solitär, denn es handelt sich um ein faszinierendes Stück Musik, das es wieder zu entdecken gilt.

Die Kritik der Totalität hat Spahlinger in „passage/paysage“ zum kompositorischen Prinzip erhoben, ganz nach dem Ausspruch des von ihm hoch geschätzten Autors Theodor W. Adorno: „Das Ganze ist das Unwahre“.  Seine theoretischen Überlegungen hat er dabei auf hörend nachvollziehbare Weise in Klang umgesetzt – die musikalische Erfindung hat sich gegen die Widerstände des begrifflichen Denkens durchgesetzt. Die „Ketten, die Geist fesseln“ (Strawinsky), wurden gesprengt.

Nichts mehr ist fest, alles im Fluss. Das ganze Stück ist im Grunde genommen ein einziger Übergang. Die Klangzustände verändern sich permanent, und keiner hat die Möglichkeit, sich so zu stabilisieren, dass er eine dominierende Funktion bekommt. Kaum scheint er etabliert, wird ihm schon wieder der Teppich unter den Füßen weggezogen. Das einzig Konstante ist paradoxerweise der andauernde Wechsel der Perspektive. Es gibt keine festen Metren mehr, keine Tonfolgen in Gestalt von Melodien, keinen klaren Unterschied zwischen Tonhöhe und Klangfarbe; Einzeltöne werden in Minicluster, Akkorde durch Zusatztöne und Geräusche in Klanggemische, polyphone Linien durch übermäßige Verdichtung in Klangströme verwandelt. Und selbstverständlich gibt es auch keine harmonische Ordnung mehr in Form von tonalen Hierarchien. Dazu Spahlinger: „Es gibt keine etablierten Gestalten, sondern nur solche, die im Begriff sind, zu entstehen, und solche, die im Begriff sind, zu vergehen, die also wechselnden Kategorien angehören. Es befindet sich also möglichst alles ›between categories‹, das ist die Hauptidee.“

Mathias Spahlinger (c) Mathias Spahlinger
Mathias Spahlinger

So ist auch der Titel zu verstehen: Eine offene Klanglandschaft mit Passagen, die in alle Richtungen führen, aber nicht mehr zu einem Zentrum. Perspektivenvielfalt eben.

 

„Das musikalische Werk ist nicht durch den Notentext ein für alle Mal definiert, sondern findet seine Endgestalt erst in der Wahrnehmung durch den geistig wachen Zuhörer.“

Zu den Werken Antons Weberns

Die Überwindung von vorgegebenen Zwängen – diesmal nicht inneren, sondern äußeren – spielt in einer etwas anderen Form auch in den Werken von Anton Webern eine Rolle, die im ersten Teil des Konzerts erklingen; ihre Auswahl beruht auf einer Programmidee von Mathias Spahlinger. „Von der Wiener Schule ist mir Webern der liebste“, sagt er, und von seinen Werken interessieren ihn besonders diejenigen, die nach dem Ende der klassisch-romantischen Tonalität, aber vor der Etablierung des neuen Ordnungsprinzips der Zwölftontechnik entstanden sind. In diesen Werken steht der Horizont weit offen, und dem Begriff ›Neue Musik‹ wohnt noch ein Zauber inne. Die Ambivalenz zwischen tonaler Bindung und Freiheit, wie sie bei Webern schon in der kleinsten Motivzelle angelegt ist, kann nach Spahlinger auch auf andere kompositorische Kategorien übertragen werden, auf Thematik, Metrum oder Form. So gerät alles Feste ins Wanken.

Den vollständigen Text finden Sie in dem Magazin Nr. 48 des Ensemble Modern. Die Verwendung des Artikels auf diesem Blog erfolgte mit freundlicher Genehmigung.

Weitere Informationen zum Konzert mit dem Ensemble Modern Orchestra und Enno Poppe am 28. September 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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