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Komponisten & Werke

Carolin Widmann und Rebecca Saunders

02.01.18 | Margarete Zander

Anlässlich des musica viva Orchesterkonzerts am 19.1.2018 in München verfasste Margarete Zander eine Porträtskizze über die Zusammenarbeit der Musikerin Carolin Widmann und der Komponistin Rebecca Saunders.

Foto: Carolin Widmann (c) Lennard Ruehle

Flüsternd, lachend, wild gestikulierend – oder auch nachdenklich, schweigend, lächelnd – so kann man die beiden Künstlerinnen Carolin Widmann und Rebecca Saunders im Gespräch beobachten. Das erste Kennenlernen liegt zirka acht  Jahre zurück, und doch war es schon beim ersten Treffen vor ungefähr 6 Jahren ein intensives, vertrautes Gespräch, erinnert sich die Geigerin. Rebecca Saunders war auf der Suche nach außergewöhnlichen Klängen auf der Geige, nach dem „musikalischen Kern“ für ihr neues Stück und noch bevor sich die beiden mit dem Instrument auf den Weg machten, waren sie in ein inniges Gespräch vertieft: über Kunst, Literatur, Musik, über das Leben als Künstlerin, Frau, Mutter, Partnerin, Suchende, Lesende, Lustwandelnde, Betrachtende, Hörende.

Es war nicht der leise Klang, den Rebecca Saunders suchte, erklärt Carolin Widmann den Weg zum Schlüsselklang, der das Violinkonzert mit dem Titel „Still“ farbig grundiert, es war die Suche nach Rage – Nach dem Rausch, der Raserei, dem Unkontrollierbaren, dem Zustand, der sich nur einstellt, wenn die Musikerin sich der Kraft der Elemente absolut hingibt.

„Rage“ – unter diesen Arbeitstitel hatte Rebecca Saunders die gemeinsame Arbeit gestellt. Das Gespräch nahm Fahrt auf im Austausch über Samuel Beckett und seine existenzielle Haltung zur Arbeit. Und irgendwann kam die Geige ins Spiel. Ein Moment, in dem Carolin Widmann das Gefühl hatte, als säße sie gemeinsam mit der Komponistin vor einer weißen Leinwand.

Wo anfangen? Bevor sie mit einzelnen Klängen experimentierten, wollten sie eine Grundierung anlegen und gemeinsamen einen Maßstab für das neue Werk setzen: Carolin Widmann spielte die d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach. Wie der Entwurf einer Architekturskizze stärkte diese Partita den Fantasieraum für Utopie, schärfte das Bewusstsein dafür, dass der freie künstlerische Impuls mit der Kraft der Vorstellung Ungeahntes erschaffen kann. So konnten die Grundelemente Energie, Farbe und Kraft das anschließende Experimentieren prägen.

Rebecca Saunders suchte nach einer Art Kern-Klang, der sich durch das ganze Stück ziehen sollte. Die Geigerin schraubte sich in unbekannte Höhen, entwickelte immer schnellere Tremoli, zauberte mit dem Bogen, verstieg sich in der Welt der Doppelgriffe. Sie suchte die geigentechnische Schallmauer zu durchbrechen, eine Steigerung ins Unmögliche, die die Leuchtkraft-Töne ganz natürlich durch das Orchestergewebe dringen lassen sollte. „Gefährlich“ und „geheimnisvoll“ so beschrieb Rebecca Saunders ihre Vorstellungen vom Beginn des Konzertes. Die Geige sollte immer wieder bei Null anfangen und sich kraftvoll in ein Crescendo aufschwingen. Die Experimente waren eine Steilvorlage für die Intensität und den mitreißenden Farbenrausch, den das Werk heute besitzt.

„Also gab es keine Widerstände beim Erarbeiten des Werkes „Still“?“ – vermutete ich fragend. „Es gab enorme Widerstände“ lacht Carolin Widmann. Eine Stelle habe sie einfach nicht im richtigen Tempo hinbekommen, sie war immer zu langsam und verlor beim Üben immer wieder die Geduld mit sich selbst. „Es ist wahnsinnig hart, das zu spielen“, und wie immer reicht die Technik allein natürlich nicht, die Technik ist die Voraussetzung für den Weg auf die Bühne, es muss noch etwas hinzukommen, damit der Part Charakter bekommt. Damit die Töne zur Musik werden, braucht es die spielerische Lust. Sie sei durchs Feuer gegangen, stöhnt Carolin Widmann heute noch, wenn sie daran denkt. Und sie weiß: es wird wieder so sein, wenn sie das Stück vorbereitet. Gibt es spezielle Übungen, wie ein warming up, damit sie diese Strecke leichter bewältigt? Ein entschiedenes „Nein!“ ist die Antwort. Dieses Violinkonzert ist so eigen, dass man jede Stelle direkt üben muss. Das ist die Herausforderung. Das Stück selbst ist die Übung! Irgendwie beruhigend an dieser Übung sei, dass Rebecca Saunders um all diese Schwierigkeiten weiß. Die Komponistin hat selbst Geige gespielt und verlangt nichts, was nicht auf dem Instrument machbar ist oder was gegen das Instrument gewendet ist, nichts Destruktives. Rebecca Saunders schreibt auf wunderbare Weise sehr natürlich, praktisch und trotz der technischen Anforderungen interpretenfreundlich. Carolin Widmann gerät ins Schwärmen. Sie weiß: Es ist machbar, nur eben mit einem großen Aufwand an Zeit und Geduld und Hartnäckigkeit. Carolin Widmann hat diese Art zu üben, ihren eigenen Ehrgeiz als Kraftquelle ihres musikalischen Talentes zu nutzen, nicht zuletzt durch ihre berühmte Geigenlehrerin Michèle Auclair in Boston. Sie hat sie schonungslos mit ihren Unzulänglichkeiten konfrontiert, hat mit unnachgiebiger Strenge das Unmögliche erwartet.

Wo das Ziel klar ist, muss es auch einen Weg geben. Sonst ist die Vorstellung vom Ziel nicht klar und nicht groß genug. Geholfen hat Carolin Widmann die große Bewunderung für die außergewöhnliche Lehrerin, das exzellente Gehör, die Konsequenz, mit der die Lehrerin selbst an sich gearbeitet hat. Welche Eigenschaften dazu erforderlich sind, das als Schülerin anzunehmen, kann man sich selbst ausmalen und in jedem Konzert von Carolin Widmann hören.

Viel später hat Carolin Widmann diese Lehre zum Motto ihres eigenen Unterrichtens gemacht. „Ein bisschen Geige spielen geht nicht!“

 

Diesen Text finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung von Dezember 2017 beiliegt. 

Weitere Informationen zum Orchesterkonzert am 19.1.2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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