Akademien & Initiativen

Ein Preis für die Wagemutigen

25.10.19 | Max Nyffeler

Die Hans und Gertrud Zender-Stiftung und der Happy New Ears-Preis.

2004 gründete das Ehepaar Hans und Gertrud Zender eine nach ihm benannte Stiftung zur Förderung des zeitgenössischen Schaffens, insbesondere der Musik, und seit 2011 verleiht diese den Happy New Ears-Preis.

Fragte man Hans Zender, den am 22. Oktober 2019 verstorbenen Komponisten, Dirigenten und Musikschriftsteller, nach der Grundidee der Stiftung, so verwies er auf lange zurückliegende Erfahrungen. Im Zentrum stand dabei die Konzertreihe, die er unter der Bezeichnung „Happy New Ears“ in den 1990er Jahren zusammen mit dem Ensemble Modern in Frankfurt ins Leben rief und die kürzlich den hundertsten Konzertabend ihrer Geschichte feierte.

Der fröhliche Wunsch für glückliche Ohren und ein ebensolches Hören stammt von John Cage, und Hans Zender hat daraus die griffige Losung für eine einzigartige Form von musikalischer Vermittlungstätigkeit gemacht. In den Konzerten kommt nur ein einziges Stück zur Aufführung, und ob es sich um ein Repertoirewerk oder eine Uraufführung handelt, spielt keine Rolle. Es wird in Anwesenheit des Publikums einstudiert und diskutiert, dann liefert eventuell ein Musikwissenschaftler in einem kurzen Vortrag einige Hintergrundinformationen, und zum Schluss wird das Stück konzertreif als Ganzes gespielt. Die Zuhörer werden damit zu Zeugen eines kreativen Prozesses. Mehr noch, mit gespitzten Ohren und entsprechender geistiger Wachheit – happy new ears! – verwandeln sie sich, so die Idealvorstellung, von bloß passiv Wahrnehmenden in aktiv Mitwirkende und gelangen so hörend zu Erkenntnissen, die sie bei der bloßen Wahrnehmung eines fertigen Endprodukts nicht hätten machen können. Oder mit Zenders eigenen Worten: „Es geht um die individuelle Beteiligung sowohl des Ausführenden wie des Komponisten und des Publikums. Beschworen wird das, was im musikalischen Sinn der Geist ist, also die durch Klänge bewegte Aura, die uns etwas zu sagen hat.“ Nicht nur der passive Musikkonsum, sondern auch das selbstgenügsame Schaffen im Elfenbeinturm soll damit überwunden werden.

„Kunst kann ihr humanistisches Potenzial nur im lebendigen Dialog zwischen den schöpferisch Tätigen und dem Publikum entfalten“.

Hans Zender

Hans Zender © Astrid Ackermann
Hans Zender 22.11.1936* 22.10.2019†

Die Happy New Ears-Initiative und ihre Preisträger

Dieser Grundgedanke findet sich auch in der Stiftungsidee wieder. Der Zweck der Stiftung, die „Förderung von Kunst und Kultur, in erster Linie auf dem Gebiet der Neuen Musik“, umfasst neben der Erhaltung und Förderung des Lebenswerks von Hans Zender hauptsächlich die Unterstützung von förderungsbedürftigen Künstlern im Bereich der musikalischen Avantgarde; explizit erwähnt werden in der Stiftungsurkunde Komponisten und Interpreten, aber auch Musikschriftsteller, und in Ausnahmefällen können auch Literaten oder bildende Künstler einbezogen werden. Der Happy New Ears-Preis ist ein Hauptpfeiler dieser Förderaktivitäten. Er wird im Zweijahresrhythmus verliehen, und zwar stets in doppelter Ausführung, einmal für das künstlerische Schaffen und einmal für musikalische Publizistik; beide Teile sind ausgestattet mit einem Preisgeld von je 10.000 Euro, wobei der Publizistikpreis auch auf mehrere Personen aufgeteilt werden kann. Der künstlerische Preis ist mit einem Kompositionsauftrag der musica viva des Bayerischen Rundfunks gekoppelt.

Seit 2011 ist der Preis viermal verliehen worden. Die ersten Preisträger waren der Komponist Enno Poppe und der Genfer Musikwissenschaftler und Publizist Philippe Albèra; Poppes neues Orchesterstück Welt erlebte seine Uraufführung 2012 im Rahmen der musica viva. 2013 folgten die Komponistin Isabel Mundry, deren Auftragswerk Non-Places, ein Klavierkonzert noch im gleichen Jahr mit dem Solisten Nicolas Hodges uraufgeführt wurde, und der Musikwissenschaftler Martin Zenck. Ein Förderpreis ging damals an den Norweger Håvard Enge, Autor einer Dissertation über Zenders Zyklus Hölderlin lesen. 2015 erhielt mit Rebecca Saunders erneut eine Frau den Kompositionspreis; ihre Komposition Alba für Trompete und Orchester wurde von Marco Blaauw und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Peter Eötvös uraufgeführt. Mit dem Publizistikpreis wurde Gerhard Rohde geehrt, jahrzehntelang ein treuer, kritischer Begleiter der zeitgenössischen Musik, der leider kurz nach der Preisverleihung im Alter von 83 Jahren starb. Ein Förderpreis wurde dem Philosophen Christian Grüny zuerkannt. 2017 wurden der Komponist Mark Andre und der Philosoph Dieter Mersch ausgezeichnet. Noch am Tag der Preisverleihung wurde Andres neues Orchesterwerk woher … wohin vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Matthias Pintscher uraufgeführt. 2019 findet die Reihe der Preisträger nun ihre Fortsetzung mit dem Komponisten Klaus Ospald und dem Musikwissenschaftler Jörn Peter Hiekel.

Isabel Mundry © Astrid Ackermann
Isabel Mundry

Das Individuum als Garant der künstlerischen Qualität

Zu den ungeschriebenen Grundsätzen der Stiftung und damit auch des Happy New Ears-Preises gehört die vorbehaltlose Anerkennung des Individuums als Quelle und Garant der künstlerischen Qualität. Auch die gleichnamige Konzertform verstand Zender stets als Herausforderung für die Interpreten, ihre Individualität in größt möglichster Weise zu entfalten und jede Routine zu vermeiden. Darin liegt für ihn das Geheimnis einer gelingenden Kunst in der heutigen Zeit, und es ist für ihn keine Frage, dass dies der Kommerzialisierung und dem Zwang, ständig Neues zu produzieren, auch jeder Form von ideologischer Indienstnahme, diametral entgegensteht. Komponieren ist für Zender ein Akt der Freiheit und künstlerischer Erfolg eine Konsequenz der bedingungslosen Hingabe an das Werk im Moment seiner Entstehung, auch wenn der Weg, sich selber im Werk auszusprechen, für das schöpferische Individuum mitunter mühselig zu gehen ist. Deshalb ist der Kompositionspreis gedacht für wagemutige, ihre Individualität kompromisslos lebende Komponistinnen und Komponisten, die nicht in der breiten Öffentlichkeit stehen und nicht so leicht an Aufführungen herankommen. Zur Verwirklichung dieser Idee sind die Stiftung und ihr Preis vernetzt mit anderen Institutionen: mit der musica viva, die den Rahmen für die Preisverleihung abgibt und anschließend eine Uraufführung garantiert, und mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste als Ort einer ganzheitlichen Kunstauffassung.


Den vollständigen Beitrag finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung vom Oktober 2019 beiliegt.

Weitere Informationen zur Preisverleihung am 22. November 2019


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