Komponisten & Werke

Enigma - Rätsel

12.02.19 | Marie-Luise Maintz

Die beiden musica viva-Konzerte am 8. und 9. März sind dem Schweizer Komponisten Beat Furrer gewidmet. Im Orchester- und Chorkonzert am 8. März 2019 wird erstmals der großformatige a capella Chorzyklus Enigma I-VII in seiner Gesamtheit zu hören sein. Rupert Huber leitet den Chor des Bayerischen Rundfunks.

Am Ende des 15. Jahrhunderts verwendet Leonardo da Vinci in seinen Profezie ein schlichtes Verfahren: Phänomene werden zunächst beschrieben, so etwa im Beispiel: „Ein großer Teil des Meeres wird zum Himmel flüchten und über lange Zeit nicht wieder zurückkehren“, das Bild dann sogleich aufgelöst: „Das heißt: in Wolken“. Die nüchterne Beschreibung des Naturgesetzes ist jedoch ins Futur versetzt und wird somit als Weissagung maskiert. Das Phänomen erscheint in diesem Bild nun bedrohlich, denn was geschähe, wenn tatsächlich ein Teil des Meeres verschwände?

Leonardo geht in seinen bruchstückhaft überlieferten Prophezeiungen Phänomenen der Natur, der Gesellschaft, der Bräuche auf den Grund. Er formuliert sie als Rätsel, wie sie in seiner Zeit als Gesellschaftsspiel beliebt waren: Die Ziegen, die den Wein auf den Markt tragen – als Lederschläuche, die Menschen, die ihr Essen fortwerfen – beim Säen, oder die beim Träumen „rennen ohne Bewegung“. Vorgänge werden auf einen Kern isoliert, in neuem Zusammenhang beleuchtet und nehmen so, nicht selten im Tonfall apokalyptischer Visionen, den Charakter von Absurditäten oder Monstrositäten an. „Bringe es in die Form des Wahns, des Aberwitzes oder des Irrsinns“ gibt der Autor als Formel preis.

Seit 2006 komponiert Beat Furrer „Enigma“ betitelte Vertonungen von Leonardos Profezie. Texte wie Von den Metallen, Von der Grausamkeit der Menschen beschränken sich nicht darauf, trickreich in die Zukunft projizierte Rätsel zu sein. Vielmehr vermitteln sie einen – bisweilen bitterbösen – Blick auf wesentliche Fragen, auf unglaublich scheinende Zustände. Mittlerweile existieren sieben von Furrers Chorwerken nach Leonardo. Im scheinbar harmlosen Gewand kurzer Chorkompositionen greift er einige der prägnanten Texte auf, dabei sind Enigma V und VII ausgedehntere Reflexionen für Doppelchor.

Beat Furrer über „Das Fremde im Vertrauten“ in diesen Rätseln: „Leonardo da Vinci beschreibt Alltägliches – einen Traum, das Metall, das Feuer usw., und transformiert es mit Hilfe eines einfachen grammatikalischen ‚Tricks’, des Futurums, in die Sprache der Prophezeiungen. Manchmal hat man den Eindruck, die Stimme des Autors würde sich erheben: ‚O animal mostruoso … che tu tornassi nel inferno!’

Beat Furrer © David Furrer

Einige der Texte, die Beat Furrer für seine Kompositionen auswählt, sind seit ihrem Bekanntwerden als Mahnungen, als apokalyptische Botschaften in die Zukunft verstanden worden: Von den Metallen und Von der Grausamkeit der Menschen gar als Weissagung moderner Kriege. Furrers Chorkompositionen sind kunstvolle Reduktionen, in denen die klanglichen Facetten des Textes ausgelotet werden. So überlagern in Enigma II – De’ metalli drei Chorgruppen den reinen Sprachlaut des gesprochenen Textes mit seufzerartig abwärts glissandierenden Sekunden, von der Stimmlosigkeit bis zum ppp, als müsste die unheilvollen Botschaft fast verschwiegen werden. Immer geht es um das Spannungsfeld von Sprache und Klang, wenn sich in I zum skandierten Text quasi vorsprachliche Vokalveränderungen gesellen, wenn in III harte und weiche Klangvaleurs der Sprache gegeneinandergestellt werden, wenn in IV der Text versweise verdoppelt wird, einmal flüchtig, unruhig geflüstert, einmal in weichen, klaren, homophonen Klangpolstern, in VI die Klänge in quasi unendlichen Linien emporgleiten, vom pp zum offensiven fff.

Nachdem Enigma I-IV und VI als kurze, teils für Jugendchor konzipierte Stücke entstanden, überhöhte Beat Furrer mit Enigma V den Zyklus mit einer komplexen, umfänglichen Komposition für Doppelchor. Von Erscheinungen von Schatten und Abbildern handelt der Text. Die alte Kompositionstechnik des Hoquetus, des Verzahnens von verschiedenen Stimmen zu einem Melodiefluss, liegt dem zugrunde. „Mich hat das Phänomen des Verdoppelns, aber auch des Verzerrens in einem Schattenbild interessiert und resultierend aus diesem Ineinanderschneiden von Stimmen das Entstehen von Prozesshaftem“, so Beat Furrer.

Auch in der letzten Komposition Enigma VII für einen in jeweils 16 Stimmen aufgefächerten Doppelchor geht es in einer fast absurden Szene – Die Anbetung der Heiligenbilder – um Abbilder, auch hier werden die Klänge ineinander geschnitten. Die Komposition zeigt sich aber, so der Komponist „noch mehr auf die Sprache bezogen. Geräuschklänge sind wie Schnitte in die Sprache, die in die Länge gezogen werden.“ Enigma VII nimmt seinen Ausgang bei einem Ineinander von verschiedenen, abgestuften Sprachgeräuschen: unverständlichem Geflüster, tiefen Hauchen, tonlosem Rauschen. Es dehnt sich zu stimmhaften, beweglichen Figuren und gesungenen Flächen aus, doch dann wird wieder „aufgeregt, beinahe geflüstert“ kundgetan, dass die Objekte der Anbetung gar nichts hören und sehen können: „Sie werden dem Lichter bringen, der blind ist….“

Dieser Artikel ist im Bärenreiter-Magazin (t)akte erschienen.

Weitere Informationen zum Konzert mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rupert Huber am 8. März 2019


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