Komponisten & Werke
"Ich bin mit den Klängen groß geworden"
Pia Steigerwald hat den in New York und Paris lebenden Komponisten und Dirigenten zu seinem neuen Werk SHIRIM befragt. Am 7. Februar findet die Uraufführung des Gesamtzyklus bei der musica viva statt.
Matthias Pintscher © Astrid Ackermann
Pia Steigerwald: Was verbindet Sie mit der jüdischen Sprache?
Matthias Pintscher: Ich halte sie für eine unglaubliche intellektuelle Herausforderung. Es ist faszinierend, wie weit diese Sprache zurückreicht, bis zur ersten Fassung der Thora, wie sie über die Zeit erweitert wurde und sich angepasst hat an die verschiedenen Zeitalter – von der Thora zum Talmud und zur Kabbala. Diesen kondensierten Text immer wieder neu zu lesen und zu interpretieren war für mich eine spannende Erfahrung. Die hebräische Sprache ist vielschichtig. Ein einzelnes Wort funktioniert wie ein Prisma, abhängig von der Wortstellung und dem Kontext. Das ist genuin klanglich und musikalisch. Für mich ist die hebräische Sprache ein Raum, in dem sich die Worte frei bewegen dürfen, ohne den Zwang einer eindeutigen Übersetzung. Ihren emotionalen Ausdruck ständig neu zu definieren ist wie der Gang durch ein Museum, wo man zu den Bildern, die man mag, zurückgehen, sie in Gedanken mitnehmen und weitertragen kann.
Pia Steigerwald: Sie haben Opern, Musiktheaterstücke, zahlreiche Vokalwerke oder auch Orchesterwerke mit Solostimme geschrieben. In She-Cholat ahavah ani (so krank bin ich vor Liebe) vertonen Sie das 5. Kapitel des Hoheliedes. Was reizt Sie an der Arbeit mit der Stimme?
Matthias Pintscher: Für mich ist die Stimme ein essentieller Ausdrucksträger. Auch weil sie diese emotionale Vielschichtigkeit und verschiedene Äußerungsmöglichkeiten hat. Der Gesang wiederum trifft auf ein Material, das Vielschichtiges nicht nur zulässt, sondern geradezu einfordert. Die menschliche Stimme berührt uns ganz selbstverständlich, weil das Verständnis unmittelbar und direkt erfolgt. Es gibt natürlich auch Instrumente, bei denen man den Atem, den Luftstrom, direkt und physisch spürt, wie bei der Flöte. Hinzu kommt, ich hatte schon immer den Wunsch, für Chor zu schreiben.
Pia Steigerwald: Für Georg Nigl, der als Bariton Solist in ihrem Shirim-Zyklus mitwirkt, ist es wesentlich, das Publikum mitatmen zu lassen.
Matthias Pintscher: Das unterschreibe ich vollkommen. Musik hat mit Atmen zu tun. Es gibt geradezu die Notwendigkeit zu atmen. Wenn nicht mehr geatmet wird, stirbt die Musik. Dann ist der Ton zu Ende. Ohne Sauerstoff keine Anima, keine Seele. Deswegen ist der Chor, ist das Vokale, so wichtig. Auch die Verbindung von Instrumentalem und Vokalem, Passagen, in denen die Instrumente weiteratmen für die Stimme, oder ihr helfen, beinahe unmerklich weiter zu atmen. Das ist ein wesentliches Merkmal meiner Musik, die ich in den letzten Jahren geschrieben habe: den Atem spürbar zu machen.

Pia Steigerwald: Haben Sie Techniken des jüdischen Rezitativgesanges adaptiert im Shirim-Zyklus?
Matthias Pintscher: Ich bin mit diesen Klängen groß geworden. Im Cantus der Thora gibt es Passagen, die an den gregorianischen Gesang erinnern. Der Tonfall ist zeitlos – eine Schlichtheit, die meine persönliche Sehnsucht in sich trägt. Willentlich oder unwillentlich. Es wird nicht befragt, es ist einfach da. Im Hebräischen sagt man „kadosh kadosh“, also „heilig“. Kompositorisch haben mich vor allem die dunklen Farben des traditionell hebräischen Rezitativgesangs beeinflusst. Da ist eine Aura, die etwas Erhabenes hat. Das ist wie bei einem Gemälde von Picasso oder der Musik von Beethoven. Ohne hebräisch zu sprechen kann man anhand des Ausdrucks das Vorgetragene erahnen. Spielt man jemandem, der weder italienisch noch deutsch versteht, einen 20 Sekunden-Ausschnitt aus Opern von Monteverdi oder Mozart vor, ist es erstaunlich, was man „verstehen“ kann. Ich glaube auch nicht daran, dass man als Hörer erfahren oder qualifiziert sein muss, um die Musik unserer Zeit zu hören. Jeder ist gleichsam qualifiziert aufgrund seiner emotionalen Erfahrung. Man braucht keine Vorbildung. Ich glaube auch nicht, dass jemand, der „alles“ weiß über die Musik, besser hören kann. Es gibt großartige Musiken, die etwas transportieren für alle. Das ist bei den Texten natürlich auch so.
Pia Steigerwald: Wie würden Sie Ihre Lesart des Hoheliedes beschreiben?
Matthias Pintscher: Ein wesentlicher Aspekt für mich ist die Sehnsucht. Aber auch die Pracht in der Darstellung der Farben, Gerüche, Geräusche, der Fruchtbarkeit der Erde. Auch Phänomene wie die Kraft, das Mächtige und die Bewegung, wenn zum Beispiel von den Heerscharen Salomos die Rede ist. Das alles hat zugleich etwas Spirituelles und Universelles. Dort, wo sich energetische Linien kreuzen und auf dem Punkt, an dem Schnittpunkt implodieren, genau um diesen Punkt zirkulieren für mich diese Texte. Alles ist schon da, man muss als Komponist gar nichts mehr dazutun. Das ist „La Mer“.

Pia Steigerwald: Sie dirigieren im Rahmen des musica viva Konzertes am 7. Februar 2020 auch eigene Werke. Wird die Einstudierung und Aufführung dadurch leichter oder eher schwieriger, weil sie emotional mit der Materie verbunden sind?
Matthias Pintscher: Wenn ich Stücke dirigiere, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren geschrieben habe, erlebe ich manchmal den schönen Moment, dass ich sie neu interpretiere, und dass ich auch Abweichungen zulasse von dem, was ich damals notiert habe. Man lässt also der Musik ihre Zeit. Die Wahrnehmung von vermeintlich Perfektem verschiebt sich dabei auf interessante Weise. Kunst ist ja auch eine Landschaft. Es gibt Künstler, Maler, Komponisten, bei denen alles zu schweben scheint. Die Goldberg-Variationen, Werke von Schubert. Die Zeichnungen Leonardo Da Vincis oder Fra Angelicos, vor denen man fassungslos steht und schweigt, weil dort alles stimmt. Sie sind genauso erhaben wie die alten Texte der Thora. Es stellt sich dort erst gar nicht die Frage, ob ein Wort an der falschen Stelle steht. Es kreist in sich.
Pia Steigerwald: Sie arbeiten Im Rahmen der musica viva erneut mit dem Chor und Symphonieorchester des BR zusammen. Was verbindet Sie mit den beiden Klangkörpern?
Matthias Pintscher: Ich fühle mich mit beiden verbunden. Wir haben mehrfach zusammengearbeitet. Es gibt den wunderbaren, höchsten Anspruch, den man teilen kann. Und diese unglaubliche Lust am Detail, und die Details dann zu einem großen Ganzen zusammen zu fügen. Das ist ein Charakteristikum dieses Orchesters, durch Präzision in den schönsten und verschiedensten Farben malen zu können. Der BR Chor zeigte sich bei unserem letzten Projekt mit Musik von Enno Poppe glühend und bereit, die Klänge zu erforschen. Diese Lust am Moment hat auch etwas Spirituelles: ihn zu erkennen, zu erfassen und ihn wirken zu lassen. Das ist etwas, was beide Klangkörper par excellence vereinen können. Es ist eine unglaublich schöne Arbeit. Eigentlich ist es gar keine Arbeit. Es ist ein großes Vergnügen, mit diesen beiden Klangkörpern wieder arbeiten zu dürfen.
Weitere Informationen zum Konzert am 7. Februar 2020 mit dem Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks finden Sie auf www.br-musica-viva.de
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