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2018/9 nmz

Interview mit Peter Ruzicka

27.09.18 | Habakuk Traber

Peter Ruzicka beging am 3. Juli seinen 70. Geburtstag. Am 5. Oktober wird er bei der musica viva vier eigene Werke dirigieren, die für verschiedene Phasen seiner kompositorischen Entwicklung stehen. Habakuk Traber befragte ihn hierzu in einem Interview.

In der Spannung zwischen eigenem Komponieren einerseits, Vermitteln, Ermöglichen und (Wieder-)Entdecken herausfordernder Musik aus Gegenwart und Geschichte andererseits, vollzog sich seine berufliche Laufbahn. Dabei verschoben sich im Laufe der Jahre die Gewichte. Nach ersten bemerkenswerten Erfolgen als junger Komponist sah sich Ruzicka mit den Intendanzen beim RSO (dem heutigen DSO) Berlin (1979–1987), an der Hamburgischen Staatsoper, bei den Salzburger Festspielen (2001–2006) und bei der Münchener Biennale, dem weltweit einzigen Uraufführungsfestival für neues Musiktheater (1996–2014), vor allem als weitsichtiger Planer, Manager und Organisator gefordert. Das Komponieren und das Dirigieren eigener und fremder Werke trat zwar nie völlig in den Hintergrund, war aber zwangsläufig äußeren Beschränkungen unterworfen. Bei der Abschiedsrede von seiner Salzburger Intendanz betonte Ruzicka 2006, dass nunmehr der Komponist in ihm unabweisbar sein Recht fordere. Das Gestalten von Musik, nicht mehr nur ihr Ermöglichen, bestimmt seitdem seine berufliche Vita. Hamburg ist Peter Ruzickas Heimatstadt. Mit München aber verbinden ihn entscheidende Etappen und Erfahrungen seines Lebens. Hier studierte er zwei Jahre, hier wurde er 1985, 37 Jahre jung, als Mitglied in die Bayerische Akademie der Schönen Künste berufen, hier leitete er 18 Jahre lang als Nachfolger Hans Werner Henzes die Biennale.

Peter Ruzicka: München war immer wieder ein wichtiger Anker in meiner Vita. Die Arbeit bei und mit der Münchener Biennale würde ich die nahezu wichtigste Station in meiner Tätigkeit als Kulturmanager nennen. Denn da war ich vor allem als Ermöglicher gefordert, nämlich Aufträge zu vergeben an junge Komponisten, die sich allesamt zum ersten Mal mit dem Musiktheater beschäftigten, sie zu beraten, die Entwicklung der Stücke mitzuverfolgen, da und dort Anregungen zu geben, auch schon in der Phase der Genese die Frage der Textgrundlage so zu erörtern, wie Hans Werner Henze dies seit 1988 vorbildlich getan hatte. […] In diesem Punkt – dem Gestalten durch Ermöglichen – war München besonders wichtig in meinem Leben.

Habakuk Traber: Dirigieren Sie im Oktober erstmals ein Konzert ausschließlich mit eigenen Werken im Rahmen der musica viva?

Peter Ruzicka: Ich erinnere mich gern an ein Konzert mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das ich 2006 im Rahmen der Münchener Biennale dirigierte und das ganz Hans Werner Henze zu dessen 80. Geburtstag gewidmet war. […] Kompositionen von mir wurden in München seit den 1980er-Jahren aufgeführt. Aber Sie haben Recht: Dass Ruzicka bei der musica viva ausschließlich Ruzicka dirigiert, bedeutet eine Premiere.

Peter Ruzicka © Astrid Ackermann

Habakuk Traber: Die Werke, die Sie für Ihr Programm im Oktober ausgewählt haben – zwei reine Orchesterwerke und zwei Werke mit Solisten – stammen aus verschiedenen Etappen Ihres kompositorischen Schaffens. Die Bruchstücke, die Sie 1984 bis 1987 komponierten, und die 1988 durch die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Gerd Albrecht uraufgeführt wurden, rechnen Sie zu Ihren wichtigen Arbeiten. In ihnen scheint die Ästhetik des Fragments, die Ihr Komponieren in den 1970er-Jahren weitgehend bestimmte, bereits aufgebrochen und tendenziell überschritten.

Peter Ruzicka: Ja, sie waren vom Ansatz her als ein Werk gedacht, das mich in meinem musikalischen Metier weiterbringen sollte. Ich hatte damals die Vorstellung von einem großformatigen Orchesterklang, auf den als wichtige Erfahrung die Auseinandersetzung mit der Musik Allan Petterssons einwirkte, und ich verfolgte den Anspruch, einmal große Bögen zu schlagen, am liebsten eine halbstündige Symphonie zu schreiben. Was schließlich entstand, war nicht dieser eine große symphonische Prozess, sondern gleichsam Bruchstücke eines solchen, symphonische Entwicklungen, aber auf einem kleineren Raum, die dann für sich genommen doch wieder fragmentarischen Charakter haben und allenfalls durch die Konstellation der fünf Stücke so etwas wie ein symphonisches Ganzes konstituieren. Dieses Desiderat, einen großen symphonischen Bogen zu komponieren, beschäftigte mich dann noch einige weitere Jahre. Es zu erreichen, war eine unabdingbare Voraussetzung, um mich an das Projekt meiner ersten Oper Celan begeben zu können…

Habakuk Traber: Das Violinkonzert … Inseln, randlos … gehört ins direkte Vor- und Umfeld dieser Oper; in ihm sind wesentliche musikalische Dinge ausgeprägt, die dann auch Eingang in das Musiktheaterwerk fanden. Was das einsätzige Konzert rein äußerlich von anderen seines Genres abhebt, ist die Tatsache, dass neben dem Solisten und dem Orchester auch ein Kammerchor verlangt wird, der gleichsam im Zentrum des Werkes die Komposition eines späten Gedichts von Paul Celan singt. Brauchten Sie, nach einem Diktum von Gustav Mahler, in diesem Solokonzert das Wort?

Peter Ruzicka: Zumeist entstanden meine Werke aus einem Nukleus, einer Art Urgedanken. So auch in meinem Violinkonzert. Mir schwebte, noch ehe ich mit den ersten Skizzen begann, eine Gemengelage von Instrumental- und Vokalklang vor, ein fluktuierender Klang, bei dem es manchmal ungewiss bleibt, ob es sich noch um Instrumental- oder schon um Vokalklang handelt. Bei einer solchen Vermengung werden die Umschlagpunkte wichtig, an denen sich für das Hören herauskristallisiert, dass da eine menschliche Stimme mit im Spiel ist. Diese Idee war mir bis hin zur Sitzordnung auf der Bühne von Anfang an klar; der Kammerchor von 16 Sängerinnen und Sängern soll im Orchester sitzen, und zwar zwischen den Holzbläsern und den Streichern, diese Platzierung sollte dann die schwankenden Klangzustände, das beabsichtigte Changieren zum »fast nichts« ermöglichen. Die Choristen sitzen, sie erheben daher auch vom Optischen her nicht den Anspruch, solistisch zu wirken, sondern sind vollständig integriert. […] Von Anfang an hatte ich auch die Vorstellung, dass zur Mitte hin der Chor einmal für eine Minute freigelegt sei, und dass dieser Teil auf Celans Gedicht Eingedunkelt basieren solle. Diese Stelle hat selbstverständlich die Bedeutung eines Zeichens in Bezug auf Celan. Eingedunkelt ist ein sehr persönliches, dunkles Gedicht aus dessen Spätzeit. Damit war mir auch die bogenartige Form klar, die das Violinkonzert schließlich annahm.

Peter Ruzicka © Astrid Ackermann

Habakuk Traber: Die anderen beiden Stücke des Programms haben mit ihrer jüngst uraufgeführten Oper Benjamin zu tun. Das Orchesterstück Flucht bewegt sich im direkten Vorfeld des Musiktheaterwerks; kann man das Trompetenkonzert, das im Oktober uraufgeführt wird, als eine Art von Nachklang des Bühnenwerkes bezeichnen?

Peter Ruzicka: Bei allen drei Opern, die ich komponierte, ist diese Verfahrensweise zu beobachten: Es entstand ein vorbereitendes Stück, das den Eigenklang der Oper bestimmte und gleichsam vorprägte. Ich wollte eine Art »Urklang« herstellen – Alban Berg hätte wahrscheinlich vom »Ton« gesprochen –, der mir dann für die große Form der Oper charakteristisch war. Und es entstanden »Nachklänge« – im Fall der Celan-Oper gab ich dem entsprechenden Orchesterstück auch diesen Titel, denn nach der Oper bleiben immer noch so viele Gestalten aus dem Arbeitsprozess übrig, die keinen oder keinen direkten Eingang in das Bühnenwerk fanden, aber weiterentwickelt werden wollten. Flucht war, noch ohne dramaturgische Verortung der sechs Stücke in den Kontexten der Oper, ein solcher Vorausklang, und Loop ist eine Art Nachklang, in dem Texturen aus der Oper gewissermaßen nachschwingen. […] Man muss allerdings dazu sagen, dass die Fassung des Trompetenkonzerts, die jetzt der Uraufführung in München zugrunde liegt, von zwei Trompetern realisiert wird, von einer Normaltrompete und einer Piccolotrompete. Ihre Parts verhalten sich komplementär zueinander, ergänzen sich zu einer Solostimme im Sinne des Hinausführens über die Möglichkeiten der Normaltrompete und wieder Zurückführens. Nur an einigen signifikanten Stellen spielen die beiden Trompeter zusammen – auch das sind wieder solche Umschlagpunkte, die für die Konzeption dieses sehr virtuosen und anspruchsvollen Werkes konstitutiv sind.

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung vom September 2018 beiliegt.

Weitere Informationen zum Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Peter Ruzicka am 5. Oktober 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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