Komponisten & Werke

Komponist, Dirigent, Musikdenker und Förderer des Neuen

31.10.19 | Max Nyffeler

Max Nyffeler beleuchtet in seinem Nachruf das vielfältige Leben von Hans Zender und erinnert an die Stationen, die ihn mit der musica viva verbinden.

Zum Tod von Hans Zender

Hans Zender gehört zu den Letzten der Generation von Komponisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Aufbau einer neuen Musik vorantrieben. Moderne und Tradition waren die zwei Stränge, die seine künstlerische Laufbahn bestimmten, musikalische Praxis, Komposition und das philosophisch vertiefte Nachdenken über die Musik waren die Grundzüge seiner unermüdlichen geistigen Aktivität.

Frühe Eindrücke von Furtwängler bis John Cage

Schon als Dreizehnjähriger konnte er in Wiesbaden, wo er 1936 geboren wurde, in den Maifestspielen die großen Dirigenten wie Carl Schuricht, den langjährigen Chef des Orchesters, Karl Böhm oder Günter Wand hören und die Proben besuchen. Er lernte Furtwängler und Edwin Fischer kennen, nahm Klavier- und Orgelunterricht. Gleichzeitig kam er in Kontakt mit der zeitgenössischen Musik, die nach dreizehn Jahren Nationalsozialismus den Nimbus des aufregend Neuen hatte. Ab 1949, noch als Schüler, besuchte er jährlich die Darmstädter Ferienkurse. Hier machte er Erfahrungen, die ihn lebenslang prägen sollten; er lernte die Reihentechnik kennen, die Musik von Olivier Messiaen und die uneuropäisch fremde Welt von John Cage.

Die musikalische Praxis, verbunden mit der Reflexion der menschlichen Grundbedingungen des Musikmachens, interessierte Hans Zender mehr als alle Theorien. Die Technologielastigkeit des Serialismus lehnte er ab. Die Begegnung mit Bernd Alois Zimmermann, den er 1963/64 in der Villa Massimo in Rom kennenlernte, brachte ihn schließlich zur entscheidenden Erkenntnis: „Alle modernen Techniken mussten verstanden, integriert und beherrscht werden, durften aber nicht die Fähigkeit der affektiven Erschütterung der Kunst versperren.“ Mit Zimmermann verband ihn eine tiefe Freundschaft, die bis zu dessen Tod anhielt und 1972 in der Uraufführung der Ekklesiastischen Aktion „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ in Kiel eine posthume Bekräftigung fand.

Der Musikdenker

Eine zweite wichtige Begegnung hatte Zender mit Georg Picht, dem Ehemann von Edith Picht-Axenfeld, bei der er eine Ausbildung als Konzertpianist absolvierte hatte. Der Philosoph und Heidegger-Schüler machte ihn mit den griechischen Philosophen vertraut und weckte sein Interesse an der Wahrnehmungsproblematik. Die Frage, wie sich die hörende von der begrifflichen Erkenntnis unterscheidet, fand ihren Niederschlag in grundsätzlichen kompositorischen Überlegungen zum Verhältnis von Wort und Musik, aber auch in seiner Arbeit als Musikschriftsteller. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen die Aufsatzsammlung „Denken hören – Hören denken. Musik als eine Grunderfahrung des Lebens“, der Band mit Schriften zur Musik „Die Sinne denken“, die Meditationen über Zen-Kalligraphien „Sehen Verstehen Sehen“ und als philosophische Schlussbilanz der wenige Wochen vor seinem Tod erschienene Essayband „Mehrstimmiges Denken“. In all diesen Texten dominiert die Sicht des aufmerksam hörenden, die Welt in ihrer Tiefe wahrnehmenden Musikers und Musikdenkers, für den sein Fach nie bloßes Handwerk, sondern stets Mittel der Erkenntnis und eine Brücke zum sprachlich nicht Erfassbaren war. Fast zwangsläufig musste er dabei auf Hölderlin stoßen. Fünfmal befasste er sich zwischen 1979 und 2012 in seiner Werkreihe „Hölderlin lesen“ mit dessen Texten.

Hans Zender © Astrid Ackermann

Komponist und Dirigent

Das kompositorische Schaffen Hans Zenders umfasst alle Gattungen von drei großen Bühnenwerken bis zur Kammermusik. Seine besondere Aufmerksamkeit galt den vokal-instrumentalen Mischbesetzungen, wo seine Forschungen im Bereich der Mikrotonalität zu völlig neuen Ergebnissen in den Bereichen Harmonik und Klangfarbe führten. Weit über die Kreise der neuen Musik hinaus bekannt wurden seine „kompositorischen Interpretationen“, die von hohem künstlerischem Einfühlungsvermögen geleitete Umarbeitung von Werken der Vergangenheit für Ensemble, unter anderem Beethovens Diabelli-Variationen und Schuberts Winterreise.

In der breiten Öffentlichkeit ist Hans Zender vor allem als Dirigent wahrgenommen worden. Nach seiner Ausbildung in Frankfurt und Kompositionsstudien bei Wolfgang Fortner in Freiburg wurde er schon mit 27 Jahren Chefdirigent am Bonner Opernhaus. Weitere Verpflichtungen folgten in Kiel, beim Saarländischen Rundfunk, als Erster Gastdirigent bei der Opera National in Brüssel und beim SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Konsequent betrieb er die Einbeziehung der zeitgenössischen Musik in das Repertoire, unzählige Uraufführungen sind ihm zu verdanken.

Regelmäßiger Gast bei der musica viva

Zu München hatte Zender enge Verbindungen. Mit den Münchner Philharmonikern unternahm er 1972 jene folgenreiche Tournee nach Japan, die den Auslöser für seine lebenslange kompositorische und philosophische Beschäftigung mit dem fernöstlichen Denken bildete. Vor allem aber war er der musica viva eng verbunden. Zwischen 1969 und 2011 dirigierte er in insgesamt zwölf Konzerten mit den Klangkörpern des Bayerischen Rundfunks Dutzende von Werken der unterschiedlichsten ästhetischen Ausrichtung, darunter Uraufführungen von Hans Otte, Peter Michael Hamel, Manfred Trojahn, Isabel Mundry, Klaus Huber und sein eigener Canto IV für Bassbariton und gemischten Chor. In starker Erinnerung bleibt das von Emilio Pomàrico dirigierte musica viva-Konzert zu Zenders 80. Geburtstag 2016 mit zwei seiner “japanischen“ Stücke und Teilen aus den groß dimensionierten Logos-Fragmenten. Auch der von der Hans und Gertrud Zender-Stiftung 2011 ins Leben gerufene Happy New Ears-Preis ist der musica viva eng verbunden; er wird in München alle zwei Jahre in den Kategorien Komposition und Publizistik zur Neuen Musik verliehen und mit einer Aufführung eines Orchesterwerkes des Komponistenpreisträgers in einem musica viva-Konzert begleitet.

Konzert zum 80. Geburtstag von Hans Zender © Astrid Ackermann
Konzert zum 80. Geburtstag von Hans Zender

In Meersburg am Bodensee, wo er schon als Kind die letzten zwei Kriegsjahre durchlebt hatte, verbrachte Hans Zender seine letzten Jahre im „Glaserhäusle“ hoch über den Weinbergen mit Blick in die Ferne – ein Kraftort, wo früher der Sprachphilosoph Fritz Mauthner wohnte, dessen Bücher Zenders eigene Bibliothek ergänzten und wo er die alte Tradition, der Gastfreundschaft mit Menschen aus allen kulturellen Bereichen weiterführte. Es war ein Treffpunkt der wachen Geister. Bis zu seinem Tod am 23. Oktober dieses Jahres war Hans Zender der wachste von allen.


Weitere Informationen zur Preisverleihung der Happy New Ears-Initiative 2019

Weitere Informationen zum Orchesterkonzert der musica viva am 22. November 2019 mit einem Werk von Hans Zender


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