Komponisten & Werke

Konzert für Orchester: Alle sind Solisten

20.12.19 | Sibylle Kayser

Am 7. Februar 2020 hebt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Matthias Pintscher ein neues Orchesterwerk der slowenischen Komponistin Nina Šenk aus der Taufe. Sibylle Kayser hat sich mit der Komponistin unterhalten.

Nina Senk © Ciril Jazbec

Frau Šenk, Sie gingen 2004 für insgesamt sechs Jahre nach Deutschland, um zunächst in Dresden, später in München Komposition zu studieren. Welches waren die größten Unterschiede zu Ihrer Ausbildung in Slowenien?

In Slowenien hatten wir keine Bibliothek mit so vielen zeitgenössischen Partituren und CDs, außerdem gab es kein elektronisches Studio. Meine Ausbildung war gut in dem Sinne, dass ich sehr viel Musiktheorie gelernt hatte: Solfeggio, Kontrapunkt, Harmonielehre. Ich würde sogar sagen, das war besser als in Deutschland. Aber alles, was zeitgenössische Musik betrifft, war in Slowenien wirklich schwach. Es gab nur wenige Dozenten, die positiv darüber redeten, ganz davon zu schweigen, dass wir solche Musik im Unterricht behandelt hätten. In den fünfzehn Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich natürlich auch hier etwas bewegt. Aber damals war es für mich ein Schock, diese riesige Bibliothek in Dresden zu sehen. Und man konnte einfach hingehen und sich das alles ausleihen! Dazu gab es Seminare, worin viele wichtige Stücke analysiert wurden. Das hat mir sehr geholfen. Zusammenfassend kann ich es so formulieren: Musiktheorie und klassische Musik habe ich in Slowenien gelernt, die Musik der letzten hundert Jahre habe ich in Deutschland erfahren.

Aber es gibt doch auch in Slowenien nicht nur „klassische Komponisten“. Ich denke da zum Beispiel an Vinko Globokar, der ja seit vielen Jahren eine internationale Größe ist. Hatten denn Leute wie er keinen Einfluss auf die akademische Schicht?

Die Akademie in Slowenien war lange Zeit sehr konservativ. Sie öffnet sich zwar langsam, aber dennoch sind die alten Strukturen noch erkennbar. So jemand wie Vinko Globokar wollte man an der Akademie nicht haben. Er wurde – wie andere zeitgenössische Komponisten – einfach ignoriert. Wir Studenten wussten zwar, dass sie existieren. Wir haben Globokars Veröffentlichungen gelesen und waren davon fasziniert. Aber das war beinahe etwas Verbotenes. Hier erachtete man die Klassik als maßgeblich.

Dennoch sind Sie eine moderne Komponistin, Ihre Musik passt ins 21. Jahrhundert. Wie kommt es, dass Sie sich der zeitgenössischen Musiksprache bedienen, wenn Sie doch zuvor „nur“ klassische Musik kannten?

Das kam durch das jahrelange Hören von Jazz, insbesondere Modern Jazz. Ich besuchte die einschlägigen Clubs und habe bei den Jamsessions genau zugehört: Was macht der Saxophonist, was der Bassist. Ich habe immer nach der Struktur gesucht und dann beobachtet, was funktioniert und was nicht. Die Dramaturgie eines Stückes hat mich interessiert. Es waren die Strukturen in freien Improvisationen, die ich toll fand. Gerade in puncto Linien und Rhythmen ist diese Musik wirklich stark – und das findet sich auch in meiner Musik wieder.

Nina Senk © Nina Senk
Nina Šenk

Inwiefern hat Sie dann der Aufenthalt in Deutschland beeinflusst?

Wir waren drei Slowenen, die zunächst für ein Auslandsjahr nach Dresden gingen – und wir waren schockiert! Die zeitgenössische Musik war so anders als das, was wir von zuhause kannten. Wir mussten irgendwie einen Weg finden, mit all dem Neuen umzugehen. Meine beiden Kollegen entschieden sich, noch einmal komplett bei Null anzufangen. Bei mir ging das nicht, denn ich hatte schon seit Studienbeginn Kompositionsaufträge, denen ich nachkommen musste. Das war mein Glück: Ich konnte mich nicht zurückziehen und von vorne beginnen. Also beschloss ich, Schritt für Schritt etwas von dem Neuen in meine Werke zu integrieren. Jedes Stück hat gewisse Stellen, an denen ich etwas ausprobierte, um zu sehen, ob es funktioniert oder nicht. So habe ich langsam – von Komposition zu Komposition – aus meinen Erfahrungen gelernt. Natürlich war das schwer, und es brachte mir von beiden Seiten Kritik ein: Für die deutschen Fachleute war ich sehr konservativ und für die Slowenen war ich zu deutsch. Aber es ging nicht anders. Ich musste diesen langsamen, mühsamen Weg gehen.

Ihre neueste Komposition, die während der kommenden musica viva-Saison uraufgeführt werden wird, heißt „Konzert für Orchester“.

Das wollte ich schon lange machen. Ich liebe alle Konzerte für Orchester, die bereits geschrieben wurden – etwa von Bartók oder Lutoslawski – aber ich hatte bis jetzt keine Möglichkeit, ebenfalls eines zu schreiben. Ich habe bereits mehrere Konzerte für verschiedene Soloinstrumente veröffentlicht, aber noch keines für Orchester.

Wie ist dieser Titel zu verstehen? Ist hier das Orchester der Solist?

Ja, aber im übertragenen Sinn. Ich sehe es so: Alle Musiker sind Solisten und sie werden wirklich solistisch eingesetzt. Zugleich müssen sie sich immer wieder mit anderen Musikern zu kleinen Kammermusikgruppen zusammenfinden. Zum Beispiel habe ich bei Sololinien in den Streichern nicht nur die Stimmführer genommen, sondern auch die Musiker an den beiden letzten Pulten; oder ich habe Soli der zehnten Geige oder der siebten Viola zugeschrieben.

Das heißt, Sie brechen die klassische hierarchische Ordnung eines Sinfonieorchesters auf. Indem die Musiker an den hinteren Streicherpulten auch Solostellen zugesprochen bekommen, nimmt man sie mehr als Individuen wahr.

Genau darum geht es. Ich habe zwar nicht jedem Musiker genau gleich viel Solostellen zugeordnet, aber dennoch dieses klassische Orchester-Musizieren unterbrochen – durch Soli oder durch unterschiedliche kammermusikalische Formationen: Mal spielen zwei, mal drei, mal vier Musiker miteinander, bevor das Orchesterspiel wieder aufgenommen wird. Ich will zeigen, dass es in den guten Orchestern – und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gehört mit zu den besten weltweit – viele hervorragende Musiker gibt, nicht nur an den vordersten Pulten. Ich habe das lediglich an ausgewählten Stellen gemacht, es ist nur ein Anfang. Man könnte damit noch viel mehr spielen. Doch auch hier bleibe ich meiner Arbeitsweise treu: Ich probiere etwas Neues aus, aber nicht, indem ich alles komplett auf den Kopf stelle, sondern mit kleinen Gesten und kurzen Momenten.

Weitere Informationen zum Konzert am 7. Februar 2020 mit dem Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks finden Sie auf www.br-musica-viva.de


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