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Mit der heißen Kartoffel „Leben“ in der Hand

16.01.18 | Everett Frost und Morton Feldman

Im März 1987 führte Everett Frost ein Gespräch mit dem „Ton-Menschen“ Morton Feldman über den „Wort-Menschen“ Samuel Beckett. Anlässlich des musica viva Orchesterkonzerts am 19.1.2018, in dem Feldmans Oper „Neither“ aufgeführt wird, veröffentlichen wir das Gespräch nun hier im Blog.

Foto: Morton Feldman, 1976 (c) Wikimedia Commons (This is an image from the Nationaal Archief, the Dutch National Archives, and Spaarnestad Photo, donated in the context of a partnership program.)

Morton Feldman: Wissen Sie, ich hatte ein bemerkenswertes Gespräch mit Beckett. Er leitete ein Beckett-Festival in Berlin. Ich glaube 1975 oder 1976. Und er fragte mich, wenn er für mich etwas schriebe, was das sein würde. Ganz so, wie ich Leute frage, die mir nahestehen: was ist es genau und was, meint ihr, wird dadurch wirklich vermittelt? Verstehen Sie – die Leute glauben, dass man ein bestimmtes Thema hat und der ganze kompositorische und strukturelle Prozess darauf aufbaut. Das mag für jemanden zutreffen, der Cartoons macht. Doch für die meisten Künstler geht es zuallererst um strukturelle Überlegungen, und daraus ergibt sich der Inhalt, zu dem man selbst sozusagen ein etwas zwiespältiges Verhältnis hat. Und Beckett war in dieser Unterhaltung ein wenig im Zweifel, was eigentlich sein Thema war (lacht).

Everett Frost: Und was haben Sie ihm gesagt?

Feldman: Ich weiß nicht, ob das eigentlich in ein Rundfunkinterview gehört. Aber zur gleichen Zeit hatte eine enge Freundin von mir in Berlin eine Brustoperation und es ging ihr sehr schlecht. Und ich sagte zu Beckett: „Verglichen mit Sarah sind Sie natürlich comic relief.“ Und mit „comic relief“ meine ich, dass es wirklich kein (führt den Satz nicht weiter). Das geht über Existentialismus hinaus, denn der Existentialismus sucht immer nach einem Ausweg. Wenn ich das Gefühl habe, dass Gott tot ist, dann: Lang lebe die Menschheit. So ungefähr wie bei Camus und Sartre. Was ich sagen will ist, dass es im Existentialismus immer einen Ersatz für Erlösung gibt. Und ich finde, dass Beckett damit nichts zu tun hat, weil es nichts gibt, was ihn erlöst. Die Oper zum Beispiel, die wir – es war eigentlich keine Oper, sondern nur ein Gedicht, das ich auf Opernlänge ausgedehnt habe …

Frost: Das ist „Neither“.

Feldman: Das war „Neither“. Das Thema ist im Grunde, ob man sich in den Schatten des Verstehens oder Nicht-Verstehens befindet. Am Ende ist man in den Schatten. Man wird überhaupt nichts verstehen: man bleibt einfach zurück – mit der heißen Kartoffel „Leben“ in der Hand. Um auf mein Gefühl für Beckett zurückzukommen: Mir hat nie gefallen, wie die anderen sich ihm genähert haben. Mir kam das immer ein wenig simpel vor (…)

Sie behandeln ihn, als ob er ein existentialistischer Held wäre, und kein tragischer Held. Außerdem ist er ein Wort-Mensch. Und ich habe mich immer als einen Ton-Menschen empfunden. Und ich glaube, das war es, was mich zu ihm geführt hat. Eine gemeinsame Sehnsucht, diese umfassende, unendliche Sehnsucht.


 

NEITHER

Samuel Beckett

to and fro in shadow from inner to outer shadow

from impenetrable self to impenetrable unself
by way of neither

as between two lit refuges whose doors once
neared gently close, once turned away from
gently part again

beckoned back and forth and turned away

heedless of the way, intent on the one gleam
ot the other

unheard footfalls only sound

till at last halt for good, absent for good
from self and other

then no sound

then gently light unfading on that unheeded
neither

unspeakable home

WEDER

Samuel Beckett

hin und her in Schatten von innerem zu äußerem Schatten

von undurchdringlichem Selbst zu undurchdringlichem Unselbst
durch Weder

wie zwischen zwei lichten Zufluchten, deren Türen sobald
nähergekommen sacht schließen, sobald abgewandt
sacht wieder öffnen

vor und zurück gelockt und abgewiesen

achtlos des Wegs, gerichtet auf den Schimmer
oder den anderen

ungehörter Tritte einziger Laut

bis endlich still für immer, fern für immer
vom Selbst und vom Anderen

dann kein Laut

dann schwaches Licht unnachgiebig auf jenem unbeachteten
Weder

Unaussprechliches Heim


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Schlagwörter

Morton Feldman


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