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MUT ZU DEN EIGENEN OBSESSIONEN - Milica Djordjevic über ihr Orchesterwerk

25.10.16 | Anselm Cybinski

In den vergangenen Jahren hat sie eine Reihe von viel beachteten Auftragswerken geschrieben. Für die musica viva komponierte Milica Djordjevic ein neues Orchestwerk. Peter Rundel und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks werden es am 16. Dezember in München zur Uraufführung bringen. Anselm Cybinski führte während des Schaffensprozesses mit der Komponistin ein Interview.

Foto: Milica Djordjevic (c) Manu Theobald

 

Anselm Cybinski: Was ist das für ein Gefühl, wenn die Nachfrage nach der eigenen Arbeit stark zunimmt und die Abgabefristen plötzlich eng getaktet sind? Spüren Sie manchmal die Furcht, es könnte irgendwann alles zu viel werden?

Milica Djordjevic: Ja, es gibt diese Momente, in denen ich mich frage, wie ich das alles schaffen soll. In den vergangenen Jahren habe ich ein paar lange Stücke geschrieben und dazu auch manche kleinere. Eines folgte auf das andere. Immer war ich bei den Einstudierungen dabei. Der stetige Druck war anstrengend, es war ungeheuer viel los. Ich empfinde das als eine dramatische, aber vor allem als eine ganz wunderbare Phase meiner Entwicklung!

Cybinsky: Abgesehen von dem Streichorchesterwerk Sky limited von 2014 haben Sie zuletzt durchweg kleinere Besetzungen gewählt: 2015 wurde bei der musica viva Ihr Blechbläsertrio vorgestellt, und noch im gleichen Jahr folgte Rdja für das Ensemble recherche. Nun also das große, repräsentative Format. Wie nähern Sie sich dieser Dimension?

Djordjevic: Ganz neu ist das Format für mich nicht; ich habe ja bereits zwei Orchesterstücke geschrieben. Eines davon, meine Magisterarbeit zum Studienabschluss in Straßburg, die 2011 auch bei den World New Music Days aufgeführt wurde, verwendete sogar dreifache Holzbläser. Natürlich ist ein Orchesterwerk immer eine Herausforderung, eine Hürde, die einschüchternd und hemmend wirken kann. Auf der einen Seite gibt es die ungeheuer reiche und bedeutende Tradition, auf der anderen Seite aber öffnen sich praktisch unbegrenzte Möglichkeiten der Kombinationen und der Farben. Hier eine Position zu finden, das ist die eigentliche Schwierigkeit. Der krampfhafte Versuch, „neu“ und „originell“ sein zu wollen, ist ein sicheres Rezept für Misserfolg. Ich glaube, dass man aus der Tradition lernen soll, aber dennoch frei und autonom sein muss, um die eigene Haltung auszubilden und dann auch durchzuführen. Das hat gar nichts mit Provokation zu tun, denn Provokation als solche ist in meinen Augen künstlerisch uninteressant. Das einzige, was für mich wirklich funktioniert, ist eine Musik, die autonom und authentisch ist, die der eigenen Ausdrucksweise und den eigenen Obsessionen folgt und dies auch mutig zeigt.

 

Milica Djordjevic (c) Astrid Ackermann

Foto: Milica Djordjevic (c) Astrid Ackermann

 

Cybinski: Die musikalische Sprache Milica Djordjevics klang bisher oft rau und heftig, fast unwirsch. Dynamische Extremwerte und dramatische Verläufe sorgen für Hochspannung in Ihren Stücken, und die Vertikale scheint vor innerer Bewegung geradezu zu beben. „Harmonie“ im konventionellen Sinne scheint diesem Gestus ebenso fremd zu sein wie jede Form von versöhnlicher Ruhe. In dem Vokalzyklus Give me back my rugs, der Sie seit einigen Jahren beschäftigt, herrscht sogar ein unverhohlen aggressiver Ton.

Djordjevic: Das ist richtig, wobei dies natürlich unmittelbar mit der Textvorlage zu tun hat – den wunderbaren, zwischen Hass, Wut und Trauer oszillierenden Gedichten des in Mitteleuropa fast vergessenen Lyrikers Vasko Popa. Diese Lieder, ein work in progress, fungieren als eine Art Labor meiner Arbeit. Was ich für die rein instrumentale Konstellation jetzt schreibe, ist dagegen sehr viel abstrakter und ganz von der inneren Struktur her entwickelt. Prinzipien wie Osmose und Vermengung, Interpolation, Kontrast oder ein kaleidoskopischer Wechsel beschäftigen meine Fantasie und leiten die gestalterischen Schritte. Dennoch interessieren mich nach wie vor die Dinge, die mein Komponieren schon seit einigen Jahren ausmachen. Sie sind Teil meiner Identität.

Cybinski: Können Sie etwas sagen zum Konzept des neuen Stücks?

Djordjevic: Es gibt immer ein Konzept ohne ein solches kann ich gar nicht arbeiten. Aber ich schreibe keine Programmmusik. Für mich geht es in erster Linie um eine sinnliche Erfahrung beim Zuhören. Eintauchen in ein Stück und es mit wachen Sinnen wahrnehmen, es offen und neugierig auf sich wirken lassen: Darauf kommt es an!

Das Gespräch führte Anselm Cybinski.  Das gesamte Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks welche der Neuen Musikzeitung von September 2016 beiliegt.

Weitere Informationen zum Konzert am 16.12.2016 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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