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„Noch tiefer in den Klang eindringen“ – Rebecca Saunders über „Aether“

05.12.17 | Martina Seeber

Die Komponistin Rebecca Saunders spricht mit der Musikjournalistin Martina Seeber über ihr Duo für zwei Bassklarinetten names "Aether", das am 15.12.2017 im Orchesterkonzert der musica viva erstmals in Deutschland aufgeführt wird.

Foto: Rebecca Saunders (c) Astrid Ackermann

Martina Seeber: „Aether“ ist ein Duo für zwei Bassklarinetten. Was spricht die Bassklarinette in Ihnen an?

Rebecca Saunders: Die Bassklarinette ist mein Lieblingsinstrument aus der Klarinettenfamilie. Es hört sich vielleicht banal an, wenn ich das sage, aber es ist ein Instrument, dessen Klang unglaublich lang aus der Stille gezogen werden und dann wieder darin verschwinden kann. Man kann sie ohne Ansatz, extrem laut und extrem leise, extrem hoch und extrem tief spielen. Mit Carl Rosman, einem der beiden Interpreten, habe ich jahrelang intensiv zusammengearbeitet. Was mich fasziniert, sind diese vielen Beiklänge, die beim Spiel fast zufällig entstehen. Vor allem die extrem leisen Doppelklänge. Diese fragilen Sounds habe ich mit Rosman über die Jahre ausgelotet und untersucht, wie weit man gehen kann. In „Aether“ habe ich dann versucht, auch mit der cholerischen, der lauten Seite dieses Klangmaterials zu experimentieren.

Seeber: In diesem Duo hört man einen Reichtum an Klangfarben und Texturen. Manche Sounds zerbröseln, andere wellen sich, es gibt geriffelte und glattpolierte.

Saunders: Es ist unglaublich, was für eine facettenreiche Klangpalette dieses eine Instrument zur Verfügung stellt. Und nicht nur das. Die erste Geste dauert mehr als eine Minute, auf einen einzigen Atem. Ich wollte etwas absolut Zeitloses schreiben. Etwas, dass sich vom Fluss der Zeit abhebt, etwas das nur im Moment ruht. Ich  wollte versuchen, mit dieser Ruhe, mit dieser meditativen Qualität zu arbeiten. Das ist etwas, das es im Violinkonzert „Still“ nicht gibt.

Seeber: Ist „Aether“ eine Folge von Stationen?

Saunders: Man könnte es mit einer Reihe von Bildern vergleichen. Die gleiche Landschaft ist mit ähnlichen Farben gemalt, aber aus unterschiedlichen Perspektiven, bei Tag oder in der Nacht, leicht verzogen oder gestreckt, manchmal aus der Nähe, dann rückt sie weit weg in die Ferne. Ich wollte die wunderbaren Klänge, die Carl und ich entdeckt haben, endlich mal in Ruhe genießen können und mit dem Zuhörer teilen, was für eine Vielfalt an schönen Klängen mit diesem Instrument möglich ist.

Seeber: Sie teilen sie aber nicht nur mit dem Publikum, sondern auch mit dem zweiten Klarinettisten. Es ist ein Duo für zwei gleiche Instrumente, für Zwillinge.

Saunders: Ich finde es faszinierend, in einem Duo statt mit zwei verschiedenen, mit zwei gleichen Instrumenten zu arbeiten. Ich kann noch tiefer in dieses Klangmaterial einsteigen, es ausloten und auseinander nehmen. Ich kann eine Megabassklarinette bauen.

 

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung von Dezember 2017 beiliegt. Das Gespräch wurde im Oktober 2017 geführt. 

Weitere Informationen zum Orchesterkonzert am 15.12.2017 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.

aether: n. / ‚i:.ə     r/

14C ME; OF ether; L aether the upper pure bright air; L aestus heat; G aither, akin to aíthein to glow, burn; OE ad funeral pyre.

1. inf. the upper regions of the atmosphere or space; the clear sky; the heavens; air.

2. ancient cosmology:
a) a purer form of fire or air – the fifth element that filled all space beyond the sphere of the moon, constituting the substance of the stars and planets;
b) Aether – the ancient Greek personification of the clear upper air of the sky.

3. 17-19C physics: a hypothetical medium formerly believed to permeate all space, and through which light and other electromagnetic radiation were thought to move.

4. physics: R1-O-R2, the volatile chemical compound known for its lightness and lack of colour, with anesthetic properties.

5. 19/20C inf. regarded as the medium for radio „ song wafts across the ether“.

Written for Carl Rosman and Richard Hayneswith my thanks for the wonderful experimental sound sessions. – Rebecca Saunders, 2016


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