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Peter Eötvös zu Ehren

09.04.19 | Michaela Fridrich

Peter Eötvös ist als Komponist und Dirigent hoch angesehen, wird zu bedeutenden Festivals und Konzertreihen eingeladen und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. Gleichzeitig spricht seine Musik ein breites Publikum an. Anlässlich seines 75. Geburtstags widmet die musica viva des Bayerischen Rundfunks dem ungarischen Komponisten ein Konzert am 3. Mai 2019. Michaela Fridrich führte für die musica viva ein Gespräch mit ihm.

Michaela Fridrich: Ihre Musik wird oft als bildhaft und klangsinnlich beschrieben. Hat das etwas mit der ungarischen Tradition, der Sie entstammen, zu tun?

Peter Eötvös: Ich glaube nicht, dass es etwas damit zu tun hat. Meine Ausbildung war die Tradition. Aber das ist nicht so, dass man ganz bewusst einer ungarischen Tradition folgt. Ich lebe in Europa, im Westen, aber mit der ungarischen Kultur, die ich als Kind mitgenommen habe: Die Sprache macht sehr viel aus und alles, was ich in den ersten 22 Jahren gelernt und erlebt habe als Ungar. Das bleibt. Meine Musik ist aber eher europäische Musik – mit ungarischen Wurzeln.

Michaela Fridrich: Eine wichtige Rolle spielt in Ihrer Entwicklung das Theater…

Peter Eötvös: Das ist sehr stark, ja. Ich bin ein Erzähler und im ständigen Dialog mit dem Publikum. Aufgrund meiner Theatererfahrung sehe ich, wie ein Wort beim Publikum ankommt. Erst wenn es verstanden wird, dann kann es weitergehen. Diese Erfahrung steckt auch in meiner Musik. Die Sprachartigkeit meiner Musik, die
Rhythmen, die Melodien, die Farben, das alles hat aber sehr viel mit den unterschiedlichen Sprachen zu tun. Meine Opern sind mal auf Russisch, mal auf Deutsch, auf Englisch, auf Japanisch, zuletzt auch auf Italienisch. Das ist eine Bereicherung, weil jede Sprache einen vollkommen anderen musikalischen Stil mit sich bringt.

Michaela Fridrich: Tatsächlich fällt in Ihrem Schaffen eine enorme stilistische Vielfalt auf. Das betrifft nicht nur die Opern, sondern auch die instrumentalen Werke.

Peter Eötvös: Es hängt auch mit einem Anti-Egoismus zusammen. Ich betrachte meine Musik nicht als ein Produkt, in dem ich mich ausdrücken muss – so, dass dann jeder Musikwissenschaftler erkennt: »Aha, das ist der Eötvös!«. Schublade auf, Schublade zu. Ich schreibe Stücke, die ein eigenes Leben haben, einen eigenen Stil, eine
eigene Geschichte, einen eigenen Charakter. Deswegen haben nicht nur die Opern, sondern auch die instrumentalen Stücke ihren eigenen Stil und ihre eigene Aussage.

Michaela Fridrich: Sie sind als Komponist und als Dirigent gleichermaßen erfolgreich. Was ist für Sie persönlich wichtiger?

Peter Eötvös: Ich habe an beidem Interesse. Das Komponieren kommt von innen, weil ich fühle, dass ich das kann und vielleicht nicht tun muss, aber tun möchte. Es ist wie bei einer Pflanze: Wenn der Frühling kommt, dann kommen die Blätter und die Blumen. Als Dirigent – das ist etwas anderes. Wichtig ist da die Fähigkeit, mit den Musikern nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich in Kontakt zu sein. Es ist typisch für mein Dirigieren und besonders für die Probenarbeit mit den Orchestermusikern, dass ich immer mit Kollegen zusammenarbeite: Wir machen etwas zusammen. Damit fühle ich mich sehr wohl. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks habe ich schon 25 Jahre eine solche kollegiale Beziehung.

2015-10-23 musica viva_Peter Eötvös (c) Astrid Ackermann

Michaela Fridrich: Wie ist es, wenn Sie eigene Werke dirigieren: Trennen Sie die beiden Tätigkeiten? So als würden Sie das Stück eines Kollegen dirigieren?

Peter Eötvös: Ja und nein. Die erste Probe vor einer Uraufführung ist die schwierigste. Da muss ich noch beurteilen, was ich als Komponist geschaffen habe. Und wenn mir etwas nicht gefällt, dann bin ich schuld. Aber ich muss auch berücksichtigen, dass es für die Musiker die erste Begegnung ist. Mit den Jahren bekommt man darin Erfahrung. Grundsätzlich freue ich mich aber noch mehr, wenn das Werk von anderen dirigiert wird. Ich liebe die verschiedenen Versionen. Zu erleben wie das Stück sich formen lässt, wenn ich nicht mehr lebe – das interessiert mich.

Michaela Fridrich: Zum Komponieren und Dirigieren kommt bei Ihnen das Engagement als Lehrer und Mentor hinzu. 1991 haben Sie dafür eine Stiftung gegründet. Worum geht es dabei?

Peter Eötvös: 1991 endete mein Vertrag als Leiter des Ensemble intercontemporain. Das waren 13 Jahre einer sehr intensiven Erfahrung. Ich hatte Begegnungen mit vielen Komponisten, habe sehr viele neue Stücke kennengelernt. Meine Stiftung hatte dann zunächst die Aufgabe, jungen Dirigenten das zu vermitteln, was ich gelernt hatte. Später habe ich gedacht, ich muss unbedingt auch die Komponisten einbeziehen. Im 19. Jahrhundert, war die Beziehung zwischen Komponisten und Dirigenten noch intakt. Irgendwann im 20. Jahrhundert ist das auseinander gegangen. Aber ich finde, diese beiden Berufe gehören zusammen: Der Dirigent muss wissen, was der Komponist gedacht hat. Deshalb nimmt die Stiftung jetzt junge Komponisten und Dirigenten auf. Seit 2018 gibt es zusätzlich ein Mentoren-Programm, das immer für ein Jahr programmiert ist. Ich lade auch bekannte Komponisten aus dem Westen und Osten nach Budapest ein und stelle sie dem Publikum in Gesprächskonzerten vor. Die Komponisten bleiben dann eine Woche bei uns und arbeiten mit den jungen Komponisten und Dirigenten zusammen. Im Februar 2019 ist Heinz Holliger bei uns, im April Kaija Saariaho – jedes Jahr sind es etwa drei, vier dieser bekannten großen Namen.

Michaela Fridrich: Ist das ungarische Publikum dem Neuen gegenüber aufgeschlossen? Und gibt es in Ungarn noch andere Initiativen, die sich der zeitgenössischen
Musik widmen?

Peter Eötvös: Im Budapest Music Center haben wir ein Stammpublikum von etwa 400 Personen. Außerdem gibt es eine sehr starke Bewegung in der jungen Generation. Da bilden sich verschiedene Gruppen heraus wie am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und die sind sehr aktiv, auch sehr kreativ, d.h. sehr wenig Theorie und sehr viel Praxis. Das ist etwas Neues und ich freue mich sehr darüber. Wir haben jetzt gerade ein Festival für Neue Musik in Budapest, das heißt »Der durchsichtige Klang«. Das ist eine ganz neue Richtung, diese Weltoffenheit und zwar nicht nur zum Westen hin, sondern auch nach Osten und Süden.

Michaela Fridrich: Am 3. Mai findet anlässlich Ihres diesjährigen 75. Geburtstags ein musica viva Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks statt. Zu diesem Orchester und dieser Konzertreihe haben Sie eine besondere Beziehung …

Peter Eötvös: Etwa vor 25 Jahren haben wir zum ersten Mal zusammen musiziert. Ich erinnere mich, dass wir Ausklang von Helmut Lachenmann gespielt haben. Danach habe ich eine ganze Reihe wunderbarer Konzerte mit Werken von Luigi Nono, B. A. Zimmermann, George Lopez, Rebecca Saunders, Wolfgang Rihm, Karlheinz
Stockhausen dirigiert – alle kann ich hier leider nicht nennen. Für mich war ein musica viva Konzert 2014 sehr wichtig, wo ich meine beiden Violinkonzerte, Seven und DoReMi, an einem Abend mit Patricia Kopatchinskaja aufführen konnte. Das war schon ein besonderes Geschenk der musica viva und des Orchesters. Das Konzert im
Mai anlässlich meines Geburtstages ist auch ein solches Geschenk mit Stücken, die in München noch nicht gespielt wurden: Alle vittime senza nome bezieht sich auf die namenlosen Flüchtlinge im Mittelmeer, die die Küste nicht erreicht haben und im Meer versunken sind.

Michaela Fridrich: Das ist ein aktuelles Thema von großer menschlicher Tragik. Wie lässt sich das musikalisch ausdrücken?

Peter Eötvös: Die Vorstellung, dass da Tausende von Menschen vollkommen naiv auf eines dieser Boote steigen, mit der Hoffnung irgendwo anzukommen, wo sie dann leben können – und sie kommen nicht an! Die Musik findet ganz selbstverständlich Klänge und Ausdrucksformen dafür. Ich habe es so komponiert, dass es auch
choreographiert und getanzt werden kann. Das andere Stück, The gliding of the eagle in the skies hat mit der baskischen Musik zu tun. Ich hatte davor keine Beziehung dazu, aber als ich den Auftrag vom baskischen Nationalorchester bekam, habe ich mir Aufnahmen von baskischen Liedern angehört und fand ein Lied ohne Worte – eine unglaublich schöne Musik! Auf dem CD-Cover war ein Adler im Flug zu sehen: ein Symbol für die Idee der Freiheit und für das Bedürfnis nach dieser Freiheit, das sich in diesem Lied ausdrückt.

Michaela Fridrich: Das Hauptwerk des Abends heißt Halleluja – Oratorium balbulum. Darin spielt auch der Text des Schriftstellers Péter Esterházy eine wichtige Rolle. Worum geht es da?

Peter Eötvös: Péter Esterházy hat den Text extra dafür geschrieben und ich habe mit ihm bis zu seinem Tod daran gearbeitet. Ich war sehr unglücklich und traurig, dass er die Uraufführung in Salzburg nicht mehr erleben konnte. Es gibt zwei Arten von Oratorien: weltliche oder sakrale. Der Text von Péter Esterházy hat die Eigenart, dass er weltlich-sakral ist. Das ist eine sehr interessante Mischung, die sehr gut zu meiner Musik passt. Ich freue mich, dass wir das Stück jetzt auch in München aufführen können.

Michaela Fridrich: Das musica viva Konzertprogramm wirkt insgesamt wie ein Plädoyer für eine offene, humane Gesellschaft. Kann Musik in einer Zeit der nationalen Egoismen und der Abschottung die Menschen zum Umdenken bewegen?

Peter Eötvös: Das glaube ich nicht. Das kann nur die Leute bewegen, die dafür sowieso schon empfänglich sind. Ich gehöre da auch nur zu denen, die ähnlich denken. Das ist alles, glaube ich.

Michaela Fridrich: Sie sind mit 75 Jahren sehr aktiv als Dirigent, als Komponist und in Ihrer Stiftung. Wird das auch künftig so bleiben, oder haben Sie vor, wohlverdient etwas kürzer zu treten?

Peter Eötvös: Anlässlich meines Geburtstags gab es im Budapest Music Center ein gelungenes Festkonzert mit Kammermusikstücken und einer Gesprächsrunde mit Kollegen. Und da sagte ich etwas, das mir plötzlich einfiel, nämlich dass ich mich als 75jähriger sehr glücklich fühle und von nun an für immer 75 bleiben möchte. Daran halte ich mich künftig und mache so weiter.

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung vom April 2019 beiliegt.

Weitere Informationen zum Konzert mit Peter Eötvös am 3. Mai 2019


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