„Happy New Ears“ 2015

Zu den „Happy New Ears“-Preisträgern 2015

Von Rainer Peters

Rebecca Saunders bei der musica viva (c) Astrid Ackermann

Die Entscheidung der Jury fiel 2015 im Fach Komposition auf Rebecca Saunders, englische Komponistin mit Wohnsitz in Berlin. Für sie bedeutet Komponieren auch die Suche nach den „seltenen Momenten tatsächlicher Freiheit“. Als Rihm-Schülerin wurde sie darin bestärkt, bei dieser Suche herkömmlichen Vorstellungen von musikalischer Architektur aus dem Wege zu gehen und „spontaneistisch“ zu schreiben, dem „Triebleben der Klänge“ nachzulauschen.

Sie erkundet minutiös die vom jeweiligen Instrumentarium angebotenen Klangmöglichkeiten, wobei sie oft irritierende Grenzbereiche zwischen Ton- und Geräuscherzeugung aufsucht. Saunders lässt sich gerne von synästhetischen, haptischen und räumlichen Vorstellungen inspirieren – wie im großangelegten work in progress chroma: eine zum Musiktheater tendierende Collage für zahlreiche Instrumentalgruppen, die für die Architekturen unterschiedlichster Aufführungsorte jeweils neu gedacht wird.

 

Den Hauptpreis für Publizistik zur Neuen Musik erhält Gerhard Rohde, Mitheraus-geber der neuen musikzeitung und Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit seinen 83 Jahren ist er der hochrespektierte Senior der deutschen Musikkritik. Unermüdlich pendelt er zwischen den europäischen Musikzentren, ist seit Jahr-zehnten Chronist und Beurteiler musikalischer und theatralischer Aufführungen.

 

Gerhard Rohde (c) Charlotte Oswald

Er schreibt nicht nur nachdenkliche, humorvolle, geschliffene Rezensionen, sondern hat auch ein waches Auge auf Entwicklungen und „Verwerfungen“ des Musikbetriebs. Deshalb widmet er sich besonders den Belangen der Neuen Musik, für die er im Laufe eines halben Jahrhunderts ein besonderes journalistisches Verantwortungsgefühl entwickelt hat.

Unguten kulturpolitischen Entwicklungen tritt er couragiert und mit spitzer Feder entgegen: die aus Ersparnisgründen geplante Abschaffung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg hat in Gerhard Rohde ihren publizistisch engagiertesten Gegner.

Leider konnte Gerhard Rohde den Preis nicht mehr selbst entgegennehmen. Er ist am 25. Februar 2015, wenige Tage nach der Verleihung des Happy New Ears-Preises, im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden gestorben. 

Förderpreisträger für Publizistik zur Neuen Musik ist der Philosoph Christian Grüny. Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Schriften Theodor W. Adornos wurde die Musikphilosophie einer seiner Forschungs- und Publikationsschwerpunkte. Da Musikphilosophie, wie Kunstphilosophie überhaupt, keine fest etablierte akademische Disziplin ist, bedarf es großer Überzeugungskraft, „Musik als relevante philosophische Instanz zur Geltung zu bringen.“ Das gelang Christian Grüny nachdrücklich mit seinem 2014 erschienenen Buch „Kunst des Übergangs“, in dem er mit enzyklopädischem Überblick Theorien des Verstehens, der Bedeutung, Analyse und Vermittlung von Musik zusammenfasst und um Erkenntnisse bereichert, die er auch aus Seitenblicken auf kunstwissenschaftliche und entwicklungs-psychologische Erörterungen gewonnen hat.

In Zeiten zunehmender Geringschätzung des „Geistigen in der Kunst“ ist Christian Grünys geistvolles Beharren auf der Philosophietauglichkeit von Musik ein wichtiges, „gegenstrebiges“ Zeichen.

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