Ensembles & Performer

Saisonstart mit Musik von Galina Ustwolskaja

08.10.19 | Johann Jahn

Johann Jahn im Gespräch mit Natalie Schwaabe, Philipp Stubenrauch und Frank Reinecke.

Frank Reinecke, Kontrabassist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Am 21. November 2019 eröffnen Musikerinnen und Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks die musica viva Konzertsaison 2019/20 mit einem Sonderkonzert: Auf dem Programm steht u.a. die vollständige Aufführung des Triade-Zyklus von Galina Ustwolskaja. Im Juni 2019 jährte sich der Geburtstag von Galina Ustwolskaja zum 100. Mal. Die russische Komponistin gibt in vielerlei Hinsicht Rätsel auf: Da ist zum Einen ihr insgesamt sehr schmales Œuvre von rund 20 (von ihr selbst anerkannten) Werken – da ist zum Anderen ihr einzigartiger Stil und ihre Klangsprache, die in keine Schublade der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts zu passen scheinen. Und dann ist da noch ihre Biografie: 1919 im heutigen Sankt Petersburg geboren war sie zeitweise (Lieblings-)Schülerin von Dmitri Schostakowitsch, zu dem sie später ein sehr kritisches Verhältnis hatte.

Johann Jahn, Musikjournalist beim Bayerischen Rundfunk, führte im Juli ein Gespräch mit der Flötistin Natalie Schwaabe und den beiden Kontrabassisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Philipp Stubenrauch und Frank Reinecke über die Musik von Galina Ustwolskaja.

Johann Jahn: Die Besetzungen sind ja sehr speziell: Acht Kontrabässe oder Piccoloflöte und Tuba… hattet Ihr die Stücke schon länger auf dem Schirm, wolltet Ihr diese schon immer mal spielen oder seid Ihr erst durch Ustwolskajas runden Geburtstag darauf gestoßen?

Philipp Stubenrauch: Von beidem etwas: Letztes Jahr gab es in der Kammerkonzert-Reihe eine Besetzung nur mit uns acht Kontrabassisten. In diesem Zusammenhang wollten wir die »Komposition II« aus der Triade, das Dies irae, aufführen. Aber leider hätte es zeitlich den Rahmen gesprengt, außerdem wäre der Max-Joseph-Saal, auch was das Klangliche anbelangt, kein idealer Ort für eine Aufführung gewesen. Schon damals dachten wir, dass es doch etwas für die musica viva sein könnte. Zufällig habe ich dann mitbekommen, dass dieses Jahr der 100. Geburtstag von Ustwolskaja ansteht. Also schickten wir ganz spontan – im Frühjahr war das, noch im Flugzeug während einer Konzertreise – eine Mail an Winrich Hopp …

Jahn: Der natürlich auf diese Mail gewartet hat…

Stubenrauch: Wir dachten auch nicht, dass es was werden könnte – bei dem notwendigen Vorlauf für all die Konzerte und Saalbuchungen. Aber er schrieb tatsächlich gleich zurück und war ganz begeistert. Weil die musica viva den Herkulessaal vor dem geplanten Orchesterkonzert am 22. November bereits für weitere Abende reserviert hatte, konnte Winrich Hopp dieses Sonderkonzert doch noch als offiziellen Saisonstart der musica viva dazu nehmen, was natürlich großartig ist. So einen Rahmen für diese Musik bekommt man ganz selten.

Jahn: Wann und wie beginnt man denn, für so ein spezielles Programm zu proben?

Natalie Schwaabe: Die Musik der Ustwolskaja ist zwar technisch nicht so fordernd, spirituell aber umso mehr. Grundsätzlich bin ich immer auf der Suche nach guter Literatur für Piccoloflöte – und so stieß ich auf Dona nobis pacem für Piccolo, Tuba und Klavier. Es handelt sich zwar nur um drei Musiker, aber das Werk ist extrem erschütternd, die Wirkung sehr stark.

Jahn: Du sprichst die Musik der Ustwolskaja an, ihre Kraft und ihre Wirkung. Die drei Stücke tragen alle Satztitel aus der christlichen Liturgie oder der Totenmesse, sind also religiös konnotiert. Gibt es auch stilistische Parallelen oder einen roten Faden, der alle drei musikalisch verbindet?

Frank Reinecke: Ustwolskajas Kompositionsweise steht ja völlig singulär da. Man mag schon ab und an assoziative Bezüge herstellen. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist sicherlich die ungeheure existenzielle Intensität, die ihre Musik auf jeder Ebene ausstrahlt, auch im lyrischen Bereich. Grundsätzlich erfährt man eine spirituelle Anmutung, die alles durchtränkt, alles durchleuchtet.

Galina Ustwolskaja © Galina Ustwolskaja
Galina Ustwolskaja

Schwaabe: Etwas Verbindendes ist auch ihre Notation. Denn sie schreibt ohne Taktstriche, was für die damalige Zeit, Anfang der 1970er Jahre, eher ungewöhnlich war. Sie wollte erreichen, dass ein fortwährender Puls entsteht, den die Musiker selbst finden müssen. Es ist eine andere Annäherung als üblich, es erschließt sich uns Musikern nicht gleich alles.

Reinecke: Das bringt mich nochmal auf die Frage, wann und wie man das probt. Vielleicht kann man es so sagen: Die Noten selber kommen relativ spät – wichtiger ist für mich, sich in diese Welt hineinzuversetzen, in diesen ungeheuer interessanten Menschen. Sie hat ja völlig isoliert gelebt und legte auch Wert darauf, keine religiösen, im Sinne von konfessionellen Aussagen zu treffen, ganz gleich ob jüdisch, evangelisch, katholisch oder russisch-orthodox. Es war vielmehr die direkte »Hinwendung zu Gott«, wie sie es genannt hat. Sich mit dem Gottesbegriff auseinanderzusetzen ist immer spannend, aber erst recht in der Sowjetunion!

Jahn: Funktioniert die Musik auch einfach nur so, ohne zu wissen, wer die Komponistin war, was sonst alles in der Musik drinsteckt?

Stubenrauch: Ich denke, dass die Musik sicherlich auch so wirkt, einfach weil sie eine Urgewalt hat. Diese Blöcke, die immer wieder auftreten und dann die Cluster-Akkorde, das hat fast schon was Okkultes, das direkt physisch auf den Hörer wirkt. Das Material ist ja relativ begrenzt, man fokussiert sich wie in einer Meditation auf ganz Wesentliches – und nach etwa 20 Minuten, wie im Dies irae, nähert man sich schon einem Trancezustand. Ich bin sehr gespannt, wie das wird, wenn wir die drei Stücke im Herkulessaal hintereinander spielen, vielleicht auch mit einer entsprechenden atmosphärischen Beleuchtung…

Jahn: Ihr habt die harte, blockartige, urgewaltige »Sprache« von ihr angesprochen: Extreme Spannungen und Entladungen suggerieren ja schon allein die Besetzungen, wie beispielsweise die Piccoloflöte und die Tuba – das ist ja der größtmögliche Tonumfang. Wie spiegelt sich das in der Musik von Ustwolskaja wider?

Schwaabe: Sie schöpft die Extreme total aus. Da haben wir das Grunzen der Tuba und das Kreischen der Piccolo, und das Klavier wird sehr stark perkussiv eingesetzt. Es soll ja auch nicht »schön« im herkömmlichen Sinne sein. Es soll erlebt sein, gespürt werden – wirklich sehr beeindruckend.

Reinecke: Das ist ja eines der Wunder ihrer Musik: Es wird ein krasser Gegensatz konstruiert. Wenn man von einer spirituellen Musik spricht, stellt man sich zunächst mal was ganz Anderes vor, etwas Weiches, Besinnliches, Kontemplatives. Da haben wir ganz bestimmte Stereotypen und Erwartungen. Ustwolskaja durchbricht das ja
radikal. Die Klänge bekommen etwas Materielles – und da sind wir wieder bei den Blöcken, was ein gutes Bild ist. Im Dies irae sieht man geradezu materielle Blöcke, und dann fordert sie ja auch tatsächlich einen Holzblock, der da in der Mitte steht und traktiert wird. Also das ist schon eine unglaublich dramatische Auseinandersetzung zwischen Geist und Materie.

Jahn: Gibt es eigentlich auch mal Stellen von Intimität und Zartheit?

Stubenrauch: Ja, es gibt auch leisere Stellen, beispielsweise wenn sich Klänge langsam aufbauen. Aber es formieren sich nie irgendwelche Harmonien oder ein Melodiefluss, es sind immer ziemlich dicht gesetzte Cluster-Akkorde. Im dritten Stück für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier ist der Gestus insgesamt ein bisschen ruhiger, zarter und wärmer – wie ein versöhnliches Ende. In der Mitte mit den acht Kontrabässen und dem mit dem Hammer geschlagenen Holzblock geht es doch sehr archaisch zu.

Natalie Schwaabe © Astrid Ackermann
Natalie Schwaabe, Flötistin im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Schwaabe: Abgesehen von der Taktstrichlosigkeit hat sie schon ganz klassisch geschrieben. Es gibt keine besonderen Spieltechniken für die Flöte, nur was anhand der normalen dynamischen Palette und Vortragsbezeichnungen möglich ist.

Stubenrauch: Das Stück ist in einer Zeit entstanden, in der ja durchaus schon mit verschiedenen Spieltechniken und neuen Klängen experimentiert wurde. Aber hier gibt es weder Vierteltöne noch Ponticello-Tremoli oder sonstige Effekte – alles ist sehr pur.

Reinecke: Das stimmt, aber ich finde es faszinierend, dass diese Musik einerseits so ausdrucksstark, emotional, persönlich wirkt, und gleichzeitig doch etwas ganz und gar Objektives hat. Ich habe hier nie das Gefühl, wie etwa bei Tschaikowsky als »traditionelles Extrembeispiel«, dass hier ganz persönliche Gefühle transportiert werden. Man bekommt natürlich Gefühle – aber auf dieser übergeordneten, abstrakten Ebene. Wenn man Vergleiche in der sowjetischen Kunst sucht, dann erinnert mich Ustwolskaja manchmal an den Futurismus oder Suprematismus: Nehmen wir als berühmtestes Beispiel Malewitsch und sein Quadrat auf der Leinwand: die klare Formensprache, das Abstrakte, Statische, Ikonenhafte, das einem auch ziemliches Herzklopfen machen kann.

Jahn: Schostakowitsch scheint da schon sehr weit weg, oder? Was hat es eigentlich auf sich mit dem Bruch zwischen den beiden?

Schwaabe: Ein heikles Thema. Ich glaube, sie wollte dass er sie ein bisschen fördert; er wollte es vielleicht auch, hat es aber nicht getan. Schostakowitsch war zu der Zeit Vorsitzender des Komponistenverbandes, als solcher der Partei beigetreten. Dieses ständige »Sich-Beugen« um zu überleben – das wollte Ustwolskaja nie, dagegen wehrte sie sich mit allen Mitteln und Konsequenzen.

Reinecke: Aber es muss darüber hinaus auch persönlich sehr schwierig gewesen sein zwischen den beiden. Er hat ihr offenbar mal einen Heiratsantrag gemacht und ist abgeblitzt. Aber er schätzte ihre Musik ja anscheinend wirklich.

Schwaabe: Aber wenn man auch liest, wie belastend sie das Verhältnis zu ihren Eltern beschreibt – alles klingt nach Rückzug und Einsamkeit: Man bekommt den Eindruck, dass sie mit der Welt gar nicht im Reinen war.

Reinecke: Sie wollte alleine sein – aber sie wollte auch selbst »ein Orchester sein«! Das war eines ihrer Kindheitserlebnisse, als sie Eugen Onegin gehört hatte, als einsames kleines Kind… Schöner kann man es nicht sagen, und das ist ihr ja auch auf ihre Art gelungen.


Diesen Beitrag finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung vom Oktober 2019 beiliegt.

Weitere Informationen zum Konzert am 21. November 2019


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Galina Ustwolskaja Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks


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