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Seltene Radikale

17.08.18 | Martina Seeber

Unter der Leitung von Enno Poppe kommen am 28. September 2018 Werke von Anton Webern und "passage/paysage" von Mathias Spahlinger zur Aufführung. Martina Seeber zum Programm und den Interpreten des Abends.

Nicht nach dem letzten Ton, sondern bereits während der Uraufführung von Mathias Spahlingers monumental dimensioniertem Orchesterwerk passage/paysage bei den Donaueschinger Musiktagen 1990 breitete sich im Publikum Unruhe aus. Nicht diese zerstreute Unruhe, die aus Desinteresse und Erschöpfung erwächst. „Manch einer hat die enorme Spannung dieses Werkes wohl nicht aushalten können und das Ganze als Provokation aufgefasst“, beschrieb der Kritiker Eckhard Roelcke die Reaktionen damals in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Uraufführung gehört zu den umstrittenen Sternstunden der neuen Musik. Es war bereits ein Wagnis gewesen, das Konzert überhaupt durchzuführen. Kaum spielbar schien die Partitur den Musikern damals. passage/paysage ist ein Werk, das nicht nur an ideologischen, sondern auch an spielpraktischen Grenzen rüttelt. Eine Musik, der man anmerkt, dass sich der Komponist nicht in Konventionen einrichten will. Die Passage durch Mathias Spahlingers Landschaft ist kein Sonntagsspaziergang, sie ist ein Abenteuer ohne Anfang und Ende.

Mathias Spahlinger (c) Astrid Ackermann

Der Komponist und Dirigent Enno Poppe erinnert sich gut, wann und wie er das Werk zum ersten Mal hörte. Die Begegnung hat „meine Welt aus den Angeln gehoben“, bekennt er. Er war noch neu an der Musikhochschule, als Mathias Spahlinger mit der riesigen Partitur im Unterricht erschien. Enno Poppe kannte weder Mathias Spahlinger, noch hatte er eine solche Musik jemals gehört. Eine Musik, „deren unglaubliche Energie aus extremer Abstraktheit entsteht“.

Enno Poppe (c) Astrid Ackermann
Enno Poppe (c) Astrid Ackermann

Enno Poppe erinnert sich, wie häufig er mit Instrumentalist*innen und Komponist*innen über passage/paysage diskutierte: „Von Mathias Spahlinger gibt weder vorher noch nachher ein vergleichbares Stück. Es ist etwas Unwiederholbares. Das kann man nur einmal machen.“

Auf den ersten Blick ist es verwunderlich, dass gerade dieses Werk, das eine Generation so tief beeindruckt hat, so gut wie nie auf den Konzertprogrammen der Orchester erscheint. Der Grund dafür ist allerdings nicht in der Ignoranz von Dirigenten und Dramaturgen zu suchen. Im Rahmen der üblichen Probenzeit, die einem Konzert vorausgeht, war und ist das Werk kaum zu meistern. Wie in überdimensionierter Kammermusik hat fast jedes Instrument eine eigene Stimme. Hinzu kommt, dass die Spieltechniken zum Teil so experimentell sind, dass sie nur von einem Spezialensemble für zeitgenössische Musik zu bewältigen wären.

Das Frankfurter Ensemble Modern, eine der ältesten und traditionsreichsten Kammermusikformationen in Deutschland, die sich ausschließlich zeitgenössischer Musik widmen, erweitert sich seit 1998 für besondere Projekte zum einem Orchester, das ausschließlich Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zur Aufführung bringt und neue Werke in Auftrag gibt. Für Mathias Spahlingers herausfordernde Musik könnten damit ideale Voraussetzungen für eine Wiederaufführung geschaffen sein.

Den vollständigen Text finden Sie im Journal Musikfest Berlin. Die Verwendung des Artikels auf diesem Blog erfolgte mit freundlicher Genehmigung.

Weitere Informationen zum Konzert mit dem Ensemble Modern Orchestra und Enno Poppe am 28. September 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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