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„Still“ von Rebecca Saunders

22.12.17 | Martina Seeber

„Still“ – Was tut das mit dir? Kannst du es ausprobieren? Martina Seeber im Gespräch mit Rebecca Saunders über ihr Violinkonzert und über die Solistin Carolin Widmann. Das Werk wird beim musica viva Konzert am 19.1.2018 aufgeführt.

Rebecca Saunders bei der musica viva (c) Astrid Ackermann

Martina Seeber: Die Zusammenarbeit mit Instrumentalisten kann man bei Ihnen durchaus als extrem bezeichnen. Ihr Violinkonzert „Still“ ist für Carolin Widmann geschrieben. Welchen Anteil hat die Geigerin daran?

Rebecca Saunders: Bei Carolin Widmann war das eine besondere Situation. Ich hatte einen Auftrag vom Beet­hovenfest Bonn und habe mir gewünscht, dass ich ein Konzert für sie schreiben darf, weil ich von ihrer Art zu spielen begeistert war. Unsere Zusammenarbeit begann so: Ich hatte ein Klangfragment, das ich auf meiner eigenen Geige gefunden hatte. Ich bin dann mit diesem Fragment auf der Handfläche zu ihr gegangen und habe gesagt: „Was tut das mit dir? Kannst du es ausprobieren?“ Wir haben unfassbare zwei Stunden lang an diesem einzigen Klangfragment gearbeitet. Sie hat improvisiert, ich habe ausgelotet, wie man andere Seiten mit einbeziehen, welche Bogentechniken sie einsetzen kann, welche Glissandi und Tempi.

Ich war von dieser Soundsession so inspiriert, dass ich zurück ins Hotel gegangen bin und um einen Late Checkout gebeten habe. Um 13 Uhr am nächsten Mittag hatte ich das Solo in der ersten Skizzenform notiert. Jedes Mal, wenn Carolin Widmann das Konzert spielt, denke ich an diesen Moment zurück.

Seeber: Wie kann man ein ganzes Konzert aus einem einzigen Fragment entwickeln?

Saunders: Es besitzt eine gewisse Schönheit und hat eine innere Dialektik. Man hört es gleich zu Beginn im Geigensolo, vom Pianissimo ins Fortissimo, es ist brutal und direkt. Auf der anderen Seite ist es unheimlich fragil und labil. Selbst wenn man versucht, es einfach nur zu wiederholen, verändert es sich. Es kommt immer eine neue Facette ins Spiel, eine andere Farbe, ein leicht veränderter Ausdruck. Dieses Material birgt unglaublich viel Potential. Es öffnet eine ganze Welt.

Seeber: „Lass es so alles ziemlich still oder versuch all den Klängen zu lauschen alle ziemlich still den Kopf in den Händen …“ – So endet die Kurzgeschichte „Still“ aus Samuel Becketts Serie „Fizzels“. Es ist die Beschreibung eines Menschen, der an den Fenstern seines Hauses sitzt. Es geht aber nicht darum, was der Mensch sieht. Beckett beschreibt vielmehr den Akt des Sitzens, das Beobachten selbst. Was ist das für eine Ruhe, Stille oder auch Unbewegtheit, nach der Sie das Violinkonzert benannt haben?

Saunders: Das ist keine Ruhe. Die Hauptfigur in Becketts Geschichte befindet sich in einer Art Stasis. Die Sonne geht auf und wieder unter, aber es ist, als ob die Zeit nicht mehr fließt. Faszinierend ist dabei: Es ist kein entspannter Moment. Die Person zittert, aber sie tritt nicht aus dem Moment heraus, auch wenn die Zeit vergeht. Das hat nichts buddhistisch Meditatives, im Gegenteil. Diese Fragilität, diese zitternde Körperbewegung hat mich erschüttert, als ich den Text gelesen habe.

Seeber: Ist es ein Zustand, den Sie auch von Ihrer Arbeit kennen?

Saunders: Beim Komponieren muss ich zu 100 Prozent fokussiert sein. Man muss in die Klänge hineingehen, mit jedem Klang und Bleistiftstrich dabei sein. Das fordert eine enorme Konzentration. Sie macht meinen Kopf wach und bereitet mir unglaubliche Freude. Es ist eine Notwendigkeit, im Moment zu sein. Dass man mit dem Klang zusammenarbeitet.

 

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung von Dezember 2017 beiliegt. Das Gespräch wurde im Oktober 2017 geführt. 

Weitere Informationen zum Orchesterkonzert am 19.1.2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.

As if even in the dark eyes closed not enough and perhaps even more than ever necessary against that no such thing the further shelter of the hand…

Leave it so all quite still or try listening to the sounds all quite still head in hand listening for a sound.

 

                                                                                                              Samuel Beckett, aus: „Still“ (1974)


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