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STILLSCHWEIGENDE VEREINBARUNG - Luciano Berio über „Coro“

02.03.17 | Luciano Berio

Welche Verbindungen es zwischen den Holzinstrumenten afrikanischer Stämme und zeitgenössischer Musik von Luciano Berio gibt, beschreibt der Komponist in diesem Text über seine Ballade „Coro“. Unter der Leitung von Teodor Currentzis wird es im Rahmen des „räsonanz“-Stifterkonzerts am 1. April 2017 in München gespielt.

Foto: Luciano Berio (Guy Vivien)

„In Zentralafrika lebt eine kleine, friedliebende Gemeinschaft, die wir als „hochmusikalisch“ beschreiben würden, wenn deren Mitglieder unsere Auffassung von Musik teilten. Mit dem Stamm, bekannt unter dem Namen Banda Linda, befasste sich der Musikethnologe Simha Arom. In ungefähr 40-köpfigen Gruppen blasen die Stammesmitglieder auf langen hölzernen Röhren, von denen jede einen einzelnen Ton erzeugt. Jeder Ton wird innerhalb eines einzelnen rhythmischen Moduls mit gelegentlichen leichten Variationen wiederholt, die den „blockhaften“ Charakter des Ganzen nicht beeinträchtigen. Wenn alle Spieler in ihre Instrumente blasen, erzeugen sie einen ganz und gar neuen Gesamtklang – neu für westliche Ohren. Er ist komplex und geordnet zugleich; etwas zwischen einer Klangkathedrale und einer unerbittlichen musikalischen Maschine. Das Spiel auf den aus Holz gefertigten Hörnern basiert auf einem strikt befolgten Prinzip. Es gibt eine pentatonische Melodie, die nicht von einem einzelnen Musiker gespielt wird.

Vielmehr sind deren Töne über ein Register von ungefähr zwei Oktaven unter den Spielern aufgeteilt. Wie aufgrund einer stillschweigenden gemeinschaftlichen Vereinbarung spielt keiner der Musiker die Melodie als solche und in Gänze. Und dennoch ist ihre Gestalt und ihr Charakter in dieser phantastischen Klanginstallation kontinuierlich gegenwärtig. Es versteht sich von selbst, dass ich diese Technik nicht studiert und adaptiert habe, um die Heterophonien der Banda Linda für ein Symphonieorchester oder Klavier zu transkribieren. Sondern ich wollte das Prinzip und die Idee auf weitere musikalische Aspekte übertragen und auf andere musikalische Kulturen (sizilianische, slowenische, schottische usw.) ausdehnen. In „Coro“ (dem Werk, das aus dieser komplexen Erfahrung hervorgegangen ist) hat das Banda Linda Idiom eine wesentliche Weiterentwicklung erfahren, indem es mit musikalischen Verfahren und Techniken anderer Kulturen in Beziehung gebracht und der ursprüngliche musikalische Organismus dieser „Klangmaschine“ adaptiert und transformiert wurde.“

Zerstörte Heimat

„„Coro“ ist eigentlich eine große Ballade, und wie jede Ballade hat sie einen eigenen Charakter, ihre eigenen Regelmäßigkeiten und Stimmungen. Bestimmte Texte und harmonische Felder wiederholen sich mehrere Male, erzeugen aber immer unterschiedliche musikalische Situationen und „Stimmungen“. Es findet eine Rotation und gleichzeitig eine kontinuierliche Transformation von Material statt. Gegen Ende des Stückes, wenn Pablo Neruda uns immer wieder aufs Neue an das Blut auf der Strasse erinnert und der Text des Volks von Liebe und Arbeit erzählt – von Dingen also, die die Basis unseres Lebens bilden –, begegnen sich die beiden Dimensionen des Werkes und werden eins.

Ich dachte dabei nicht an Nationen, sondern an die Begegnung von Menschen, mit ihren jeweils eigenen Geschichten, mit ihren Leidenschaften und ihrer zerstörten Heimat. Ich muss zugeben, dass es in „Coro“ eine tragische Stimmung gibt.“

Luciano Berio

 

Weitere Informationen zum räsonanz-Stifterkonzert unter der Leitung von Teodor Currentzis am 1.4.2017 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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