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TEODOR CURRENTZIS – Seine musikalische Welt in Perm

09.02.17 | Michael Struck-Schloen

Im Rahmen der „räsonanz“-Initiative ist am 1. April Teodor Currentzis mit dem Mahler Chamber Orchestra in München zu Gast. Mit dabei ist der berühmte, aus Perm stammende MusicAeterna Choir, der zugleich sein Münchner Debüt gibt. Der Musikpublizist Michael Struck-Schloen zieht Verbindungen zwischen den Protagonisten.

Die Utopie einer Stadt voller diverser Kulturen und ihrer gegenseitigen Einflüsse ist heute sicher aktueller denn je, nicht nur für die überforderten Städteplaner der ausufernden Megastädte. Aber sie passt auch zur Stadt Perm, die sich der Dirigent Teodor Currentzis zusammen mit verschworenen Musikern und Sängern ausgewählt hat ‒ einen geschichtsträchtigen Ort, der einen Operntitel von Nikolaj Rimsky-Korsakow heraufbeschwört: „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“. Denn lange war Europas letzte Millionenstadt vor dem Ural für Ausländer und sowjetische Normalbürger nahezu unsichtbar: ihre Position auf den Landkarten gefälscht, die Stadt selbst nur für Einwohner und Mitarbeiter der lokalen Rüstungsbetriebe zugänglich.

„Perm war eine abgeriegelte Stadt, die mit dem Blut der politischen Gefangenen aus den Gulags gebaut wurde“, erinnert Currentzis in seinem Büro des Permer Opernhauses, das er in einen opulent drapierten Salon im Stil des Fin de siècle hergerichtet hat. „Es war die Stadt, die den Zaren gegen die Kommunisten verteidigt hat. Deshalb haben sie sich später gerächt, die Stadt abgeschlossen und versucht, sie zu demütigen. Aber in dieser Stadt hat auch die Intelligenz gelebt, die nach der Lagerhaft hierhin gekommen ist. Das erinnert ein bisschen an Berlin, das nach dem Krieg auch eine bestrafte, verwundete Stadt war. Aber dort entstand mehr avantgardistische Kultur als in, sagen wir: Zürich.“

Statt Zürich hätte Currentzis wohl lieber Moskau oder Sankt Petersburg gesagt ‒ für ihn Inbegriff des verödeten russischen Kulturlebens, das vor allem auf Repräsentation setzt und unbequeme Künstler wie ihn beargwöhnt („ich spüre den üblen Geruch dieses kaputten Systems“). Dem 1972 in Athen geborenen Griechen mit dem russischen Pass war jedenfalls schon früh klar, dass seine Idee von Qualität und musikalischer Laborsituation unvereinbar ist mit den üblichen Arbeitsbedingungen an den Stadttheatern dieser Welt ‒ egal ob in Russland oder im Westen. Und so begab er sich auf die Suche nach dem, was er den „Plan B im russischen Musikleben“ nennt.

Als Currentzis zum künstlerischen Leiter und Musikchef der Oper in Perm ernannt wurde, war das „ferne Land“, wie die Übersetzung des finnischen Namens „Perm“ lautet, der europäischen Kulturszene schon etwas näher gerückt. Weil die Perestroika der von lieblosen Autoschneisen und sozialistischen Repräsentationsbauten dominierten Stadt zwar mehr Freiheiten, aber kein besseres Image beschert hatte, sann der damalige Gouverneur Oleg Tschirkunow auf Kultur als Identifikationsfaktor. Museen und Galerien entstanden (die zum Teil schon wieder geschlossen sind) an der Oper mit ihrer bekannten Ballettkompagnie wirkt seit 2011 der Mann, der sich im fernen Sibirien schon einen legendären Ruf erworben hatte.

Teodor Currentzis (c) Alice Calypso for Malina
Mahler Chamber Orchestra (c) Molina Visuals
Mahler Chamber Orchestra (c) Molina Visuals
Teodor Currentzis (c) Alice Calypso for Malina
Teodor Currentzis (c) Alice Calypso for Malina

Während seiner Zeit als Opernchef in Nowosibirsk nämlich hatte Teodor Currentzis MusicAeterna gegründet: ein Ensemble aus internationalen Musikerinnen und Musikern, das er durch gerechte Bezahlung, unkonventionelle Probenzeiten, mentales Training und ein gemeinsames Gesellschaftsleben (über dessen Ausgelassenheit so manche Anekdote kursiert) zur Elitetruppe ohne die ästhetische Patina russischer Berufsorchester formte. „Meine Musiker“, sagt Currentzis, „kommen aus anderen Städten an eine nicht gerade malerischen Ort wie Perm ‒ für eine Idee, für die wir vielleicht sechs Stunden proben, wenn nötig eine Stunde lang einen einzigen Takt. Das alles können Sie nicht in einem gewöhnlichen Orchester, das von der Gesellschaft organisiert wird; da haben Sie die Gewerkschaften etc. Überhaupt, was vom System bereitgestellt wird, ist schon korrumpiert.“

In Nowosibirsk formierte Currentzis zudem aus Sängern des Opernchores einen 30-köpfigen Chor, die „New Siberian Singers“, wie sie sich zuerst nannten. Auch unter dem neuen Namen „MusicAeterna Choir“ haben sich die 30 Sängerinnen und Sänger ‒ sämtlich handverlesene professionelle Stimmen aus dem unerschöpflichen Reservoir der russischen Konservatorien ‒ ihr breites Repertoire und ihre unkonventionelle Arbeitsweise bewahrt. „Seine langen Orchesterproben sind ja schon legendär ‒ beim Chor ist es genauso!“ sagt der Chorchef Vitaly Polonsky, der seit Nowosibirsker Zeiten die Projekte von Currentzis begleitet hat. „Jede Probe mit ihm ist eine neue Welt, eine Aufführung für sich. Deshalb kann man eigentlich auf keine Probe verzichten, selbst die indisponierten Sänger setzen sich dazu, um die Masse an Informationen und Emotionen mitzunehmen, die Teodor vermittelt. Er kennt sich blendend aus mit der Natur der menschlichen Stimme, er nutzt die gesamte Palette ihrer Möglichkeiten. Aber es geht ihm eben nicht nur um den schönen Klang ‒ ihm geht es um alles, um jede Nuance.“

Einen weiteren Teil des Textes, der sich mit den Werk „Coro“ von Berio beschäftigt, das auf dem Konzertprogramm von Currentzis und seinen Mitstreitern steht, lesen Sie hier.

Das gesamte Essay von Michael Struck-Schloen finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks welche der Neuen Musikzeitung von Februar 2017 beiliegt.

Weitere Informationen zum räsonanz-Stifterkonzert am 1.4.2017 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.

 

 


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