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DEN TÖNEN NICHT IM WEG STEHEN

14.12.16 | Pia Steigerwald

Das Duo Slaatto-Reinecke wagt den klingenden Brückenschlag ins Mittelalter. Viele Uraufführungen, weltweite Konzerte und mehrere CD-Produktionen künden vom Forschergeist des Duos. Im musica viva Late Night-Konzert am 16.12.2016 setzen die beiden Musiker eine Neukomposition von Chris Newman für Violine und Kontrabass mit eigenen Adaptionen mittelalterlicher Musik in Beziehung, dies wiederum an geschichtsträchtigem Ort: in der bis 1710 erbauten Münchener Bürgersaalkirche.

Frank Reinecke (c) Astrid Ackermann

Die Musik eines Philippe de Vitry (1291-1361) oder Guillaume de Machaut (1300-1377) – in ihrer Zeit Verfechter einer Neuen bzw. „subtilen Kunst“ („Ars nova“ bzw. „Ars subtilior“) – erscheint dem unvorbereiteten Hörer oft genauso befremdlich wie der Klang innovativer Gegenwartsmusik. Auch für die Interpreten ergeben sich Herausforderungen, die an die ästhetisch fortschrittlichsten Positionen heutiger Komponisten denken lassen. Durch die erweiterte historische Perspektive werden Routinen des Musizierens wie des Musikhörens fundamental in Frage gestellt. Begreiflich wird die Veränderlichkeit musikalischer Wahrnehmung und ihrer Kriterien durch die Geschichte. Möglich wird aber auch eine bereichernde Verfeinerung des Ohrs. Davon, wie erhellend die programmatische Gegenüberstellung von Musik aus Geschichte und Gegenwart sein kann, erhält man bereits durch das Werkstattinterview mit dem Kontrabassisten Frank Reinecke einen guten Eindruck, das Pia Steigerwald im Vorfeld des Konzerts am 16.12.2016 geführt hat:

 

Pia Steigerwald: Wie kam es zu Ihrer Beschäftigung mit mittelalterlicher Musik?

Frank Reinecke: Es fing an mit einer Kontrapunktlehre von Diether de la Motte, der seine Theorie meist auf zweistimmigen Kanons von Josquin Desprez (†1521) aufbaute, die uns sehr fasziniert haben. Das ist jetzt etwa 20 Jahre her. Damals sind wir aber noch an der Intonation gescheitert. […] Mit dem altgewohnten Pi-Mal-Daumen der temperierten Stimmung jedenfalls funktionierte es überhaupt nicht. Nachdem wir dann die Raga von Wolfgang von Schweinitz (*1953) gespielt haben – nach zwei Jahren und 77 Proben, nicht gezählt das Üben – kannten wir uns in der Komplexität des Tonsystems ziemlich gut aus, und wir konnten nun auch Desprez und Machaut systematisch intonieren. Im Gegensatz zu Desprez verzichtet die zweihundert Jahre ältere Musik Machauts noch auf die reine Naturterz (mit der Schwingungsproportion 4:5), denn diese kommt in dem damals noch gängigen Pythagoräischen System, das über reine Quinten gebaut ist, nicht vor. Später bei Desprez dagegen ist sie einkomponiert. Wir haben in den letzten Jahren viel Machaut gespielt und sind beeindruckt von dieser modernen, klaren, einfachen, strengen und zugleich unglaublich reichen Musik. Da ist keine Note zu viel.

Steigerwald: Unter welchen Kriterien haben sie die Konzertstücke ausgewählt?

Reinecke: Das war Gefühlssache. Wir haben keine inhaltliche Dramaturgie, kümmern uns weniger um die Texte. Bei Machaut sind es alles Liebeslieder, manche tragisch, manche huldigend. Aber die Musik zeigt sich völlig autonom und braucht den Text nicht. Wir beginnen mit Werken, die den Klang erst einmal erklären und nicht zu komplex sind. Unsere Gewohnheiten spielen natürlich auch eine gewisse Rolle. Es bauen sich „Sphären“ auf, manche Stücke stören, manche mögen einander, und so hat sich eine Dramaturgie herausgebildet. Nach den ersten etwas konventionelleren werden die Kontraste größer.

Steigerwald: Sie möchten das Publikum zu einem „verfeinerten Hören“ anregen. Was macht dieses Konzert mit dem Hörer?

Reinecke: Es gibt dem Hörer vielleicht einen Geschmack davon, was überhaupt eine Konsonanz, was eine Verschmelzung, eine Harmonie ist. […] Man kann vielleicht hören, dass das Timbre, in dem wir Machaut und Vitry spielen anders ist, als wir es heute gewohnt sind. Und dass es auch ganz anders ist, als in der Barock- oder Renaissancemusik. […] Die Feinheit des Hörens soll ein Hören dessen sein, was zwischen zwei Klängen passiert. Das hat wiederum mit der Frage zu tun, warum wir ein Intervall als schön empfinden. Eine große Frage, die mit den Obertönen zusammenhängt. Und aus dieser Schönheit der Klänge, einer reinen Naturschönheit, ist ab dem 13. Jahrhundert ein hoch artifizielles System entstanden, das mit der gleichstufigen Stimmung später leider wieder zerstört wurde.

Steigerwald: Das Konzert findet in der Bürgersaalkirche statt. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Raum gemacht?

Reinecke: Diese wunderbare Kirche ist selbst schon ein Musikinstrument. Die Klänge können sich erst hier richtig entfalten, blühen auf eine Art auf, dass sich ein fast dramatischer Synergieeffekt ergibt. Es geht nicht um eine möglichst saubere Quinte, sondern darum, dass die beiden Instrumente nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Diese Verschmelzung ist gerade bei unseren Instrumenten mit ihrer Obertönigkeit und Spielweise ein starkes Ausdrucksmittel, was Machaut und de Vitry offenbar planmäßig einsetzten. Ihre Musik wurde für Kirchen geschrieben.

Dieser Textauszug stammt aus einem ausführlichen Gespräch zwischen Frank Reinecke und Pia Steigerwald zu der ungewöhnlichen Duo-Besetzung wie auch  zum Programm des Duos von Helge Slaatto und Frank Reinecke im musica viva Konzert am 16.12.2016. Das ganze Gespräch können Sie hier lesen. Weitere Informationen zum Konzert finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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