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Enno Poppe über Mathias Spahlinger

17.08.18 | Enno Poppe

Beim Gastspiel des Ensemble Modern Orchestra am 28. September 2018 wird Enno Poppe das Werk "passage/paysage" von Mathias Spahlinger zur Aufführung bringen. Lesen Sie die Laudatio von Enno Poppe anlässlich der Verleihung des Großen Kunstpreises Berlin 2014 an Mathias Spahlinger, in der seine langjährige Verbundenheit zum Komponisten zum Ausdruck kommt.

Es ist keine leichte Aufgabe, eine Lobrede auf Mathias Spahlinger zu halten. Unser Preisträger wird nicht gern gelobt und lobt auch selbst nicht gern. Die Vorstellung ist befremdlich, dass der frontale Angriff nicht nur auf Gewohnheiten und Liebgewonnenes, sondern auf fundamentale Kategorien unseres Denkens und Wahrnehmens Begeisterung auslösen kann. Die unbequemen Künstler haben selten die großen Preise bekommen. Niemand hat je zu Hegel gesagt, dass die Phänomenologie des Geistes ein ganz tolles Buch sei, das man mit heißen Ohren gelesen habe. Die Spielverderber sind selten die, die man liebt.

Um unseren Preisträger würdig zu feiern, darf ich ihn also nicht loben. Und muss mir darüber im Klaren sein, dass meine Begeisterung über sein Werk eventuell darauf basiert, dass ich es missverstanden habe.

Aber was soll das überhaupt heißen: unbequemer Künstler? Das Gegenteil dazu wäre ja wohl der bequeme Künstler, der es sich und uns gemütlich macht. Einen Spielverderber kann es nur dort geben, wo die Spielregeln klar und unmissverständlich formuliert sind. Die Kunst ist aber eben in dem Sinn kein Spiel, dass die Regeln festgelegt sind und alle sich daran halten. Das Spielerische der Kunst besteht gerade darin, dass das Erfinden neuer Regeln zum Schaffensprozess gehört. Dennoch gibt es die Künstler, die uns die Mechanismen, nach denen wir funktionieren, deutlicher gezeigt haben, als wir sie sehen wollten. Sicher gehört Mathias Spahlinger zu denen, die Dinge in Frage stellen, die man als Kunstbenutzer nicht gern in Frage gestellt sieht. Tatsächlich ist das Spiel meist schon verdorben, bevor es überhaupt losgeht. Als Spielverderber wird der bezeichnet, der sagt und zeigt, dass es nicht funktioniert. Er ist der Überbringer schlechter Nachrichten, den die Antipathie trifft.

Mathias Spahlinger (c) Astrid Ackermann
Mathias Spahlinger (c) Astrid Ackermann

Der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker vom Massachusetts Institute of Technology hat das Aperçu in die Welt gesetzt, Musik sei „akustischer Käsekuchen“. Menschen mögen Käsekuchen, weil sie im Lauf der Evolution eine Vorliebe für Fett und Zucker, die Bestandteile von Käsekuchen, entwickelt haben. Das heißt aber nicht, dass es eine angeborene Affinität zum Käsekuchen an sich gibt. Gleiches gilt für die Musik: All die sozialen, emotionalen, kognitiven Bedürfnisse, die durch Musik angesprochen werden, sind angeboren. Dennoch ist das Bedürfnis nach Musik noch lange nicht angeboren. Die Kulturindustrie füttert uns unablässig mit Fett und Zucker, die meiste Musik, die uns ständig umgibt, besteht nur daraus. Diese Musik kann zweifellos angenehme Gefühle auslösen, auf Dauer ist sie unbefriedigend und macht dick und unbeweglich. Die entscheidende Frage ist, wie wir auf Fettentzug reagieren. Derjenige, der uns zeigt, aus welchen industriellen Komponenten unsere Nahrung Musik zusammengesetzt ist, wird oft als genussfeindlich denunziert. Dabei ist die Vorstellung, ständig von akustischem Käsekuchen umgeben zu sein, das Gegenteil von Genuss. Ihr haftet etwas Widerwärtiges an.

Als ich zum ersten Mal ein Werk von Mathias hörte, traf es mich wie ein Schlag. Ich war am Anfang meines Studiums, Spahlinger kam nach Berlin, um sein neues, fünfzigminütiges Orchesterwerk passage/paysage vorzustellen und vorzuspielen. Eine solche musikalische Intensität hatte ich noch nie erlebt. Das Stück endet mit einer quasi endlosen Stelle, zehn, fünfzehn Minuten, in der alle Streicher mit äußerster Grobheit und voller Lautstärke ein H zupfen. Aber nie zusammen, sondern stets verwackelt. Wie ein vergeblicher Versuch, gemeinsam zu spielen. Dazwischen quälende Pausen. Je länger die Stelle dauert, desto klarer wird, dass die Musiker nie wieder zusammen spielen werden. Dafür verstimmen sich die Saiten, die Musik wird immer falscher, schmerzhafter, bohrender.

Mathias Spahlinger (c) Astrid Ackermann

passage/paysage ist ein Jahrhundertwerk, und es hat sich herausgestellt, dass es unter den jüngeren Komponisten kaum einen gibt, dem dieses Stück nicht den Schweiß auf die Stirn und den Schauer auf den Rücken getrieben hat. Wir hatten mit diesem Stück unseren Sacre du printemps, das Stück, das die bisherigen Gesetze außer Kraft setzte und durch etwas ersetzte, was wir noch nicht verstehen konnten.

Ausschnitte der Laudatio anlässlich der Verleihung des Großen Kunstpreises Berlin 2014 an Mathias Spalinger. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Akademie der Künste, Berlin.

Weitere Informationen zum Konzert mit dem Ensemble Modern Orchestra und Enno Poppe am 28. September 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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