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2018/9 nmz

Mathias Spahlinger und Enno Poppe über "passage/paysage" und Anton Webern

12.09.18 | Martina Seeber

Martina Seeber hat den Dirigenten Enno Poppe und den Komponisten Mathias Spahlinger zu den Werken, die am 28. September 2018 zur Eröffnung der musica viva Saison 2018/19 gespielt werden, befragt.

Zum Werk „passage/paysage“ von Mathias Spahlinger

Mathias Spahlinger: Das Thema des Stückes ist Entwicklung. In kleinsten Schritten verändert sich etwas, das dann plötzlich zu einem qualitativen Sprung führt, der eine Änderung in der Wahrnehmung hervorruft. Das ist das Thema. Aber wie kommt man in ein Stück hinein, das nur aus allmählichen Übergängen besteht? Wo es kein »Erstes«, keinen Anfang gibt? Es kann also nur einen angeschnittenen Anfang und ein ebensolches Ende geben. Und so ist es hier. Damit das klar wird, sind diese beiden Akkorde teils noch nicht Beethoven und teils schon nicht mehr Beethoven, denn die Töne, aus denen sich die Akkorde zusammensetzen, sind entweder zu tief, zu hoch, zu laut oder zu leise. Oder sie sind noch nicht das, als was sie bei Beethoven erscheinen oder sie sind es nicht mehr. Dieser griffige Anfang, der bewusst nicht von mir stammt, soll zeigen, dass alles, was passiert, bereits Teil einer allmählichen Veränderung ist. In meinem Stück gibt es keine Übergänge von einem festen zu einem anderen festen Zustand. Jeder der Zustände, egal wo man ihn anhält, ist bereits in Veränderung begriffen.

Enno Poppe: Es gibt in diesem Werk nur wenige Momente, wo die Musik sich verfestigt. Diese Musik ist immer flüssig. Es geht immer um den Übergang von einem Zustand in den nächsten, manchmal sehr schnell, manchmal auch sehr sprunghaft, aber trotzdem so, dass man es immer verfolgen kann. Es ist eine unglaublich lebendige und zugleich abstrakte Musik. […] Was dort alles gleichzeitig passiert, wird mir jetzt umso mehr bewusst, als ich mich intensiv mit der Partitur beschäftige. Allein die Ausmaße. Die Partitur ist ungefähr 1,20 Meter hoch. Diese Musik ist für jedes einzelne Instrument durchgearbeitet. Es gibt in dem Stück nichts, was in dem Zusammenhang keinen Sinn ergeben würde.

Martina Seeber: Was passiert in der langen Phase gegen Ende des Werks?

Enno Poppe: In dieser legendären Passage geht es zehn, vielleicht auch fünfzehn Minuten lang darum, dass alle den gleichen Ton spielen. Das ist zunächst ein sehr lautes Pizzicato. Pizzicati tendieren ja schon in der klassischen Musik dazu, nicht synchron zu sein. Eigentlich hat Mathias Spahlinger an diesem Punkt angesetzt. Er lässt die Impulse immer weiter auseinander laufen. Man gerät in Wolken, die zunächst falsch wirken und in denen man irgendwann vollkommen die Orientierung verliert. Man weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Durch diese Lautstärke und Wucht und auch durch die Dauer entwickelt sich eine irrsinnige Energie.

Enno Poppe und Mathias Spahlinger über Anton Webern

Martina Seeber: Anton Webern war vielleicht der wichtigste Komponist und Bezugspunkt für die Nachkriegsavantgarde. Wie wichtig war und ist er für Sie?

Enno Poppe: Dass Webern gespielt wird, war ein Vorschlag von Mathias Spahlinger. Wir haben ihn gefragt, was er sich zu seinem Stück vorstellen kann. Da hat er nur gesagt: »Webern«. Für mich selbst ist Anton Webern ein unglaublich wichtiger Komponist und auch ein wichtiger Bezugspunkt. Aber in ganz anderer Weise als in den Fünfzigerjahren. Damals herrschte ein sehr kreatives Missverständnis in Bezug auf ihn. Man dachte, er sei so ein karger, abstrakter Reihenkomponist, der nur Töne zählt. In Wirklichkeit sind seine Stücke von einem blühenden Espressivo durchzogen. Es sind ja sozusagen Mahler-Gerippe, Reste von Mahler-Sinfonien. Was mich an Webern fast am meisten fasziniert, ist seine Vokalmusik. Diese fast unaufführbar schwer zu singenden Lieder finde ich großartig. Sie stehen vollkommen quer zu allem. Sein Fokus auf die Vokalmusik und auf diese schwere Lyrik von Trakl und George ist das Gegenteil von Abstraktion. Es ist etwas ungemein Süffiges, finde ich. Das Süffige in dieser Kargheit ist etwas, was seine Musik mit passage/paysage verbindet. Bei Spahlinger sehe ich das auch.

Mathias Spahlinger: Mir bedeutet er viel. Anton Webern ist mir von den Vertretern der Wiener Schule der Liebste. Unmittelbar gefolgt von Schönberg. Mein Herz schlägt mehr für Webern, und zwar für die kleinen Kammermusikstücke, die Werke für Streichquartett, für Cello und Klavier und vor allem für die Bagatellen. Ich versuche aber auch, diese Erfahrung theoretisch zu begründen. Was diese Musik emotional vermittelt, ist – trotz der wenigen Noten – ganz nah an der Spätromantik. Der Pianist Peter Stadlen, der mit Webern die Variationen op. 27 erarbeitet hat, berichtet, dass Webern von zwei Tönen sprach, als seien es Kaskaden von Tönen, als spiegelten sich darin ganze Welten von Gefühlsausbrüchen. Das ist typisch für Webern und hat mich schon als Kind sehr berührt.

Diese Texte finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung vom September 2018 beiliegt.

Weitere Informationen zum Konzert mit dem Ensemble Modern Orchestra und Enno Poppe am 28. September 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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