Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Peter Rundel

Freitag, 2. Oktober 2020 | Herkulessaal der Residenz München | 21.00 Uhr

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Programm

giacinto scelsi [1905–1988]

I Presagi
für 10 Instrumente [1958]

luciano berio [1925–2003]

Naturale
für Viola solo, Schlagzeug und Zuspielband [1985-86]

iannis xenakis [1922–2001]

Jalons
für 15 Instrumentalisten [1986]


Mitwirkende

Antoine Tamestit, Viola

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Peter Rundel, Leitung

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Zum Programm

Es war die archaische, in gleichem Maße zerstörerische wie erneuernde Kraft des Klangs, nach der sich der exzentrische Italiener Giacinto Scelsi sehnte. Die Suche nach der verloren geglaubten Potenz führte den Grafen nicht nur zu revolutionär neuen, kompositorischen Arbeitsmethoden, sie öffnete seinen Geist auch für die Musikkulturen der Antike und des Fernen Ostens. Obwohl sein Ensemblewerk I Presagi bereits in den Fünfziger Jahren entstanden ist, wurde es zur selben Zeit wie die beiden Kompositionen von Berio und Xenakis uraufgeführt. Alle drei Werke verbindet die Suche nach den Ursprüngen der Musik in der Folklore und im Ritus.

Werkinformationen
Zu Giacinto Scelsi: I Presagi

Beschwörung archaischer Kräfte

Er sei überhaupt kein Komponist, sagte Giacinto Scelsi gern. Viel eher sei er ein Bote, der Nachrichten annimmt und überbringt. Botschaften aus einer anderen Wirklichkeit. Tatsächlich tönen die Bläser in I Presagi anders als alles, was in den späten 1950er Jahren von den Konzertbühnen in Rom, Italien oder ganz Europa zu hören war. Archaische, mikrotonal verfärbte Rufe steigern sich über die drei Sätze hinweg in eine düster vibrierende Weltuntergangsstimmung. Nicht zufällig erinnern die „Vorahnungen“ an fernöstliche Tempelmusik. Giacinto Scelsi hat zwar Tibet nie besucht, besaß aber Schallplatten, die seine Musikvorstellung stärker geprägt haben als die Kompositionen seiner europäischen Zeitgenossen.

Auf der Suche nach der Magie des Klangs begann er zu improvisieren, kaufte sich Tonbandgeräte, zeichnete sein Spiel auf dem Klavier oder der frühen elektronischen Ondiola auf und bestimmte diese Momentaufnahmen zur Grundlage seiner Instrumentalkompositionen. Transkribieren und der gewünschten Besetzung anpassen ließ er sie von erfahrenen Tonsetzern. Geld spiele für den Spross eines reichen Adelsgeschlechts keine Rolle. Auch dank dieser Freiheit entstand ein Œuvre, das allerdings erst spät entdeckt wurde. I Presagi wurde erst 1987 uraufgeführt. Die acht Blechblasinstrumente, ein Saxofon und ein Schlagzeug, zu dem im letzten Satz auch eine Windmaschine zählt, beschwören archaische Kräfte. Wie in anderen Werken, die vom Zusammenbruch uralter Zivilisationen handeln, kündigt die geballte Energie eine Umwälzung an. Die Musik liefert dazu aber nicht den Soundtrack, sie „ist“ das Ereignis selbst: Vibrierend, tremolierend, pfeifend, sausend und grollend will der Klang die Kraft sein, die alles zum Einsturz bringt.

Zu Luciano Berio: Naturale

Klänge aus dem alten Sizilien bis hin zur Gegenwart

Was ist schon natürlich? Eigentlich müsste auf den Titel dieses Solos ein Fragezeichen folgen. Luciano Berio liebte die Folklore, vor allem die Musik der beiden großen italienischen Inseln Sizilien und Sardinien. Nie wäre es ihm jedoch in den Sinn gekommen, seine Werke, in denen er Volksweisen verarbeitete, als neue Folklore zu verkaufen. Der Akt der Transkription, des „Hinüberschreibens“, ging für ihn zwar mit der Identifikation und der Liebe zum Material einher. Das Transkribieren war aber immer Ausgangspunkt für Experimente bis hin zu Dekonstruktion und Missbrauch, wie er im Kommentar zu Naturale ausführt.

Die Komposition für Viola, sehr sparsam und folkloristisch eingesetztes Schlagzeug sowie Zuspielband gehört zu einem Werkkomplex, dem Volkslieder aus Sizilien zugrunde liegen. Das Material für die Bratschenstimme liefern sizilianische Arbeits-, Liebes- und Wiegenlieder, die der Solist der Uraufführung, Aldo Bennici, gesammelt hatte. Vom Tonband klingt dazu die Stimme eines der letzten sizilianischen Bänkelsänger. Peppino Celano und Luciano Berio sind sich 1968 begegnet. Dabei sind Aufnahmen von „abbagnate“ entstanden. Mit diesen Gesängen lockten fahrende Händler einst ihre Kunden an. Die zugespielten, unbearbeiteten Originale versetzen die Viola mit ihren Transkriptionen, Adaptionen und Dekonstruktionen sizilianischer Lieder zurück ins Sizilien der fahrenden Händler. Aber auch die Gegenwart, der nicht selten brutale Alltag auf der italienischen Insel, findet in Naturale ein unerwartetes Echo.

Zu Iannis Xenakis: Jalons

Licht auf eine unwirtliche Landschaft

Unnahbar, kalt und spröde beginnt das Kammerorchester mit einem matt leuchtenden Klang, der sich wie ein Prisma auffächert. Nichts biedert sich an, nichts schillert oder verspricht gar Behaglichkeit. Die Musik von Iannis Xenakis löst fast immer ein Gefühl des Fremdseins aus. Die hohen Töne schneiden ins Ohr, auch die körnigen Bässe verströmen keine Wärme. Iannis Xenakis hat zum 10. Geburtstag des Pariser Ensemble Intercontemporain ein Werk geschrieben, in dem das Licht auf eine unwirtliche Landschaft fällt. Im Verlauf von sechs Abschnitten gehen Holz- und Blechbläser, Harfe und solistische Streicher unterschiedliche Konstellationen ein. Tuttiklänge pulsieren mechanisch, Streicherschwärme glissandieren, gefolgt von kontrastierenden Zickzackbewegungen unterschiedlicher Instrumentengruppen. Das ruhelose Umherirren wird von statischen Akkorden unterbrochen. Gelegentlich sind Instrumente auch solistisch zu hören, am häufigsten die Harfe, die immer wieder Zäsuren setzt. Zugleich sorgt die wechselnde Instrumentation für immer neue, aber durchweg kaltfarbige Lichtverhältnisse.

Jalons oszilliert zwischen Ordnung und Auflösung. Kurz vor Ende scheinen die marschierenden Bewegungen der verschiedenen Gruppen trotz des gemeinsamen Pulses unvereinbar. Das Geschehen hält nur mit Mühe zusammen. Doch auch in solchen Momenten inszeniert der ehemalige Bauingenieur und Assistent von Le Corbusier kein menschliches Drama. Er schafft Konstellationen und Situationen, die rein geometrischen Gesetzen folgen.

Das Konzert im Radio

BR-KLASSIK sendet den Konzertmitschnitt im Radio. Der Sendetermin wird noch bekannt gegeben.

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