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WERTSCHÄTZUNG DES NACHDENKENS - Preisträger Dieter Mersch

14.06.17 | Jörn Peter Hiekel

Alle zwei Jahre vergibt die Hans und Gertrud Zender-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Akademie der Künste, der musica viva und BR Klassik die Auszeichnung „Happy New Ears“. Der Happy New Ears-Preis für Publizistik zur Neuen Musik 2017 geht an Dieter Mersch. Die Preisverleihung findet am 7. Juli 2017 in München statt.

Die Hans und Gertrud Zender-Stiftung hat sich vor einigen Jahren dazu entschlossen, neben einem Kompositionspreis einen Preis für Publizistik zu vergeben. Und auch dieser Preis, der ebenfalls im Zusammenwirken mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der musica viva des BR verliehen wird und mit 10.000 EUR dotiert ist, findet überregional Aufmerksamkeit. Das hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass es eine vergleichbare Auszeichnung zumindest im deutschsprachigen Bereich nicht gibt.

Die Wichtigkeit des Unterfangens mag man aber auch mit den Defiziten im Reden über Neue Musik begründen: In einer Zeit, in der zunehmend vor Augen tritt, wie sehr dieses Reden jahrzehntelang von vielen Klischees, Einseitigkeiten und polemischen Abgrenzungen bestimmt war, geht es darum, die Wertschätzung für jene Autorinnen und Autoren zum Ausdruck zu bringen, die hierzu gegenläufige, wichtige Akzente setzen und den Diskurs verbreitern und beflügeln.

Was der Komponist und Preis-Stifter Hans Zender vor der erstmaligen Verleihung schrieb, gilt dabei gewiss noch heute: „Der Preis für Publizistik zur Neuen Musik möchte Menschen danken, welche in der Arbeit ihres Metiers zum Bilden der ‚Neuen Ohren‘ beitragen. Die interpretatorische Arbeit an der Musik vergangener Jahrhunderte hat in unserer Zeit ein so großes Gewicht bekommen, das die eigentlich schöpferische Weiterentwicklung der Musik, wie sie die Komponisten leisten, immer mehr in einem toten Winkel der öffentlichen Beachtung zu verschwinden droht. Das Gleiche gilt für die Arbeit jener Menschen, welche sich mit aller Kraft der Vermittlung der neuen Musik widmen, dies auch mit Worten. Meine Initiative will allen Mut machen, die an die Lebendigkeit der neuen Musik und ihre Unentbehrlichkeit für die Zukunft unserer Kultur glauben.“

Mit dem 1951 in Köln geborenen, heute an der Zürcher Hochschule der Künste lehrenden Dieter Mersch hat die aus Oswald Beaujean, Jörn Peter Hiekel (Vorsitz), Siegfried Mauser und Peter Ruzicka bestehende Jury dieses Mal einen der wenigen namhaften Philosophen der Gegenwart ausgewählt, die sich mit Hingabe und außerordentlicher Kompetenz Fragen der aktuellen Ästhetik widmen. Und dabei ist Mersch in den letzten Jahren in wachsendem Maße durch Texte, Diskussionsbeiträge und Vorträge gerade auch im Felde der Gegenwartsmusik hervorgetreten.

Alle seine Beiträge zur Musik konvergieren vor allem an einem wichtigen Punkt: darin, dass sie fruchtbare Denkbewegungen enthalten, die von einem breiten, über musikalische Belange hin­ausreichenden Erfahrungshorizont getragen sind. Beispielhaft erwähnt seien hier etwa die Frühjahrstagungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt, wo er sich etwa zu Fragen der Spiritualität, des Körperlichen von Musik sowie zu deren Weltbezug zu Wort meldete, sowie die Darmstädter Ferienkurse – wo es im letzten Jahr ein „Excess“ überschriebenes Forum für Philosophie und Musik gab, bei dem das von Mersch geleitete Institut für Ästhetik der Zürcher Hochschule der Künste sogar Mitveranstalter war.

Die Themen solcher Veranstaltungen haben immer wieder mit einem Kern von Merschs Fragestellungen zu tun, nämlich mit dem Bewusstsein für das, was die Künste – jede für sich, aber auch alle zusammen – von der Wissenschaft ebenso unterscheidet wie von anderen Ebenen der Kommunikation. Und auf Musik bezogen gesagt: Es geht Mersch um die uralte, aber doch zusehends brisanter gewordene Frage danach, was Musik – und nur sie – ausmacht. Immer wieder führt das zu Einsichten, die speziell jenen Wirkungsmöglichkeiten des in neuerer Zeit Komponierten gerecht zu werden vermögen, ohne die Erwartung überzustrapazieren, in neuerer Musik allein das zu entdecken, was man auch schon in älterer finden kann. Gerade mit dem Verstehen von Kunst hat sich Mersch jahrzehntelang beschäftigt – und dabei besonders mit jener Kunst, in der (um ihn wenigstens kurz selbst zu zitieren) „Sinn und Nichtsinn bzw. Verstehen und Nichtverstehen“ nicht bloß als „entscheidbare Alternative, sondern als eine unentwirrbare Verflechtung“ aufzufassen sind.

 

Diesen Text finden Sie auch in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks welche der Neuen Musikzeitung von Februar 2017 beilag.

Die Preisverleihung findet am 7. Juli 2017 um 17.00 Uhr statt. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter www.br-musica-viva.de.


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