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ATMOSPHÄRISCHE KUNSTGRIFFE - Ilya Gringolts im Interview

22.11.16 | Barbara Eckle

Der Russe Ilya Gringolts zählt zur jüngeren Generation herausragender Geiger unserer Zeit. Als gefragter Solist widmet er sich sowohl dem großen Orchesterrepertoire als auch der zeitgenössischen Musik sowie selten gespielten Werken. Im Rahmen des musica viva Orchesterkonzerts am 16. Dezember spielt Gringolts das Violinkonzert von György Ligeti mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Peter Rundel. Barbara Eckle traf sich mit dem Violinisten zum Gespräch.

Foto: Ilya Gringolts (c) Tomasz Trzebiatowski

Barbara Eckle: Das enorm breite Spektrum an Techniken und Stilen, die in György Ligetis Violinkonzert zum Einsatz kommen, hinterlässt einen überwältigenden Eindruck und stellt zugleich die Frage in den Raum, was Ligeti zu dieser expliziten Vielfalt bewogen hat. Erkennen Sie ein Konzept hinter dieser wilden Mischung?

Ilya Gringolts: Diese Frage würde ich gern an Ligeti weiterreichen, denn er hat das einmal selber so schön erklärt: „Viele Schichten aus bewussten und unbewussten Einflüssen werden zu einem organischen, homogenen Ganzen verbunden: Afrikanische Musik mit fraktaler Geometrie, Maurits Eschers optische Täuschungen mit nicht temperierten Stimmungen, Conlon Nancarrows polyrhythmische Musik mit ‚Ars Subtilior‘. Damit etwas Neues und Komplexes entstehen kann, versuche ich immer, diese äußeren Impulse mit meinen inneren Bildern und Ideen verschmelzen zu lassen.“ Mit anderen Worten: Das ist „vintage Ligeti“ – tief verwurzelt in der Tradition und doch avantgardistisch, vielgesichtig und doch absolut erkennbar, der Renaissancemensch und zugleich der gewöhnliche Mann auf der Straße.

Eckle: Was ist es, das Sie an dieser Musik persönlich am meisten anspricht? Gibt sie Ihnen als Musiker in irgendeiner Weise die Möglichkeit zu wachsen?

Gringolts: Was mich an Ligetis Musik immer anzog, ist ihre unendliche Lyrik, die sie vielleicht auch von der Musik seiner Zeitgenossen abhob. Die endlosen Bögen des Horntrios, die desolate Klanglandschaft in Lontano für großes Orchester von 1967, die unglaubliche kantable Intensität des Mittelsatzes des Violinkonzerts… In einer Zeit, in der der Sinn für Schönheit allzu leicht in Vergessenheit gerät, versorgt uns seine Musik damit im Überfluss. Sein Violinkonzert ist auch ein sehr persönliches Werk – man muss seine persönlichen Tragödien nicht kennen, um das Erlebnis dieser Musik wahrzunehmen, aber sie erklären vielleicht die emotionale Tiefe, die unvergleichlich ist.

Eckle: Ligetis Violinkonzert ist aus einer späten Schaffensphase. Als junger Künstler setzte er sich über traditionelle Kompositionstechniken wie auch über den damals dominierenden Serialismus hinweg und richtete seinen Fokus ganz darauf, „Klangflächen“ mithilfe von Mikrotonalität zu schaffen. Dreißig Jahre später, in seinem Violinkonzert und auch in anderen Werken, kehrt er zu einer traditionellen Satzstruktur zurück. Manche dieser Sätze tragen sogar barock- oder teilweise sogar mittelaltertypische Bezeichnungen wie „Praeludium“, Hoquetus“, „Choral“, „Passacaglia“. Wie interpretiert er diese Bezeichnungen im Violinkonzert? Befolgt er sie genau oder transzendiert er die Form, die sie andeuten?

Gringolts: Von den Bezeichnungen sollte man sich nicht täuschen lassen. Sie sind reine Karnevalsmasken, während der eigentliche Schauplatz des Stücks seine klangliche und lyrische Landschaft ist. Für mich sind es vor allem die Strahlkraft und diese unheimliche multitonale Welt, die das Violinkonzert zu etwas ganz Besonderem machen.

Eckle: Nehmen Sie irgend eine Art Einheit oder übergeordnete Logik im Panoptikum von Stilen und Techniken dieses Stücks wahr?

Gringolts: Einem kreativen Menschen wird es niemals gelingen, seine Identität oder die innere Logik seines Werks zu verbergen, wie sehr er sich dabei auch tarnen mag. Strawinsky ist Strawinsky – ob er sich nun ins neoklassizistische, ins neoromantische oder ins zwölftönige Kostüm wirft.

Schönberg ist er selber – in Verklärte Nacht ebenso wie in Moses und Aaron. Picasso ist in jeder seiner Verkleidungen sofort erkennbar. Wie Menschen ihren Charakter nicht ändern, nur die Erscheinungsform davon, so bleibt auch der Kern eines kreativen Menschen unangetastet. Ligeti ist in den Bagatellen für Bläserquintett genauso einzigartig und wahrhaftig wie im 40 Jahre später entstandenen Violinkonzert.

Eckle: Und welches ist die größte Herausforderung, vor die Sie das Violinkonzert stellt?

Gringolts: Die „luminoso“-Wirkung zu erzielen. Dieser schimmernde, irisierende Klang verlangt totale Hingabe, Konzentration und den höchsten Grad an technischer Fertigkeit. Die Stellen für Solostreicher im Orchester sind aber nahezu ebenso anspruchsvoll wie der Part des Solisten. Und die Polyrhythmen bergen natürlich einiges an potentieller Gefahr in sich!

Das Gespräch führte Barbara Eckle. Das gesamte Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks welche der Neuen Musikzeitung von September 2016 beiliegt.

Weitere Informationen zum Orchesterkonzert am 16.12.2016 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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