Komponisten & Werke

Interview mit Helmut Lachenmann

23.05.18 | Frank Reinisch (Breitkopf & Härtel)

Beim Juni-Wochenende der musica viva findet am 7.6.2018 die Münchner Erstaufführung von Helmut Lachenmanns neuer Komposition "Marche fatal" statt. Frank Reinisch von Breitkopf & Härtel sprach mit dem Komponisten über das Werk.

Frank Reinisch (Breitkopf & Härtel) im Gespräch mit Helmut Lachenmann

Frank Reinisch: Die Partitur der Marche fatale  geht auf das gleichnamige Klavierstück zurück, das Sie 2016 abgeschlossen haben. Mit der Orchestrierung von Klavierwerken begeben Sie sich in eine ganz spezifische Tradition, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nimmt. Lässt sich hier ein historischer Bezug finden, ähnlich wie zwischen der Titelgleichheit Ihres Klavierkonzerts Ausklang mit einem zentralen Formabschnitt aus der Alpen-Symphonie von Richard Strauss?

Helmut Lachenmann: Die Titelgleichheit meines Werktitels mit dem Schluss-Abschnitt „Ausklang“ aus  der Strauß’schen Alpensymphonie war reiner Zufall, ob man es mir glaubt oder nicht. Der Verdacht wäre eher begründet, wenn ich damals mein Klavierkonzert „Gefährliche Stelle“ oder „Eintritt in den Wald“ genannt hätte. Es gibt keinen anderen und schon gar nicht historischen Bezug außer dem neidischen Rückblick auf jenen bis heute vertrauten und wie auch immer nach wie vor intakten traditionellen Musikbegriff, aus dem Komponisten seit Schönberg, weiß Gott nicht nur ich, entdeckungsfreudig aber mehr oder weniger heroisch und lehrreich scheiternd immer wieder auszubrechen versuchen.

Reinisch: Mit dem Attribut „fatale“ dürfte ein neues Charakteristikum in die Musik eingeführt worden sein. Ich würde nicht ausschließen, dass der Titel bald andere fatale Stücke provoziert? Aber was ist an Ihrem Marsch „fatal“ – oder soll das französische Adjektiv gar nicht ganz wörtlich übersetzt werden?

Lachenmann: Ich mag über solche Andeutungen im Titel hinaus nicht weiter grübeln. Ein Marsch ist eigentlich keine Musik zum Hören oder Zuhören, so wenig wie ein getanzter Walzer oder eine Nationalhymne, so wenig im Grunde wie jedes von wie vielen auch immer gemeinsam gesungenes Lied. Er ist ein nicht unbeliebtes, vielfach verfügbares magisches Medium, zur Vermittlung kollektiver Empfindungen, von so oder so trügerischer Geborgenheit, ob in marschierender Fortbewegung, oder in feierlicher oder wie auch immer festlicher Andacht, friedlich oder kampfbereit, oder auch heiter und übermütig, aber durchweg unter vorübergehendem Verzicht auf eigenes, gar „kritisches“ Denken. Ein Marsch ist an sich schon „fatal“, er signalisiert so oder so einen – mehr oder weniger ehrlichen – Selbstbetrug: eine kollektiv vermittelte Gleichschaltung der Gemüter, aus welchem frommem oder unfrommem, freudigen oder traurigen Anlass auch immer.

 

Helmut Lachenmann (c) Giovanni Dainotti

Reinisch: Gibt es überhaupt eine spezifische Tradition im 19. Jahrhundert, die hinter diesem Werk steht? Ist es eine französische „Marche“, steht Beethoven, der ja selbst kreativ mit den französischen Vorbildern umgegangen ist, Pate oder dann eben doch Schubert, dessen Klaviermärsche zuweilen im 6/8-Takt stehen und zum Marschieren nicht taugen?

Lachenmann: Schon Komponisten wie Bach, Mozart und Beethoven haben immer wieder dieses Medium abgerufen und seine ursprüngliche Funktion geistvoll sabotiert, und Werke geschaffen, die dank ihres strukturellen Reichtums und ihrer hochsensiblen Expressivität solcher problematischen, vulgo verblödenden, weil eher gleichschaltenden und nicht nur in totalitären Staaten missbrauchten Funktion in den Rücken gefallen sind. Mozarts „Kleine Nachtmusik“, eine Serenade, beginnt mit Marschsignalen, auch die Jupitersymphonie, und die Märsche und Trauermärsche in der Musik Beethovens, die vierhändig zu musizierenden Militärmärsche bei Schubert sind kostbare Kunstwerke zum Hinsitzen und „sich hingebenden“ hörenden Erleben. Vollends bei Mahler und bei Alban Berg werden wir beim Hören der von ihnen komponierten Märsche in einen dialektisch geladenen Denkprozess gelockt oder gar gezwungen. Bergs Marsch aus seinen drei Orchesterstücken ist nachgerade ein sezierender Blick in die Eingeweide dieser Gattung, dessen ursprüngliche musikalisch arrangierte Gleichschaltung des Fühlens und Unterbrechung des eigenen Denkens als bewusst gemachtes dieses geradezu schmerzlich nach allen Richtungen herausfordert.

Reinisch: Also 19. oder 20. Jahrhundert?

Lachenmann: Meine „Marche“ überspringt alles dieses und als leichtfertig rücksichtloser bzw. rücksichtsfreier Rückfall weicht er jeglicher obligaten intellektuellen Gymnastik aus, steht in Es-Dur, wie es sich gehört und benutzt melodische und rhythmische Floskeln, die ich nicht erfunden, aber halt vorgefunden habe. Keine Ahnung, wo die „Melodie“ meines Marsches herkommt. Auch die Harmonien sind weiß Gott nicht „von mir“. Aber selbst hier stehe ich in einer alten Tradition, derjenigen des indirekten Zitates. Komponisten sind Parasiten, benutzen und bedienen sich überlieferter Wirkungen, abgerufener Faszinosa, ob es vertraute Dreiklänge, vorgegebene Gattungen, oder wunderbare Instrumente mit ihrer historischen, exotischen, landschaftlichen oder wie auch immer idyllischen Aura sind. Ihre Aufgabe ist, solche Vertrautheit wie auch immer zu neuem, gelegentlich auch irritierendem Leuchten zu bringen. „Wie auch immer“ – und damit bin ich wieder bei meiner fatalen „Marche“, die sich solcher Problematik allenfalls dadurch stellt, dass ihre inszenierte Banalität sich all dem entzieht.

Erstveröffentlichung des Interviews: Breitkopf & Härtel, Verlagsnachrichten „uptodate“ 1-2018, S. 10-12. Die Verwendung des Interviews auf diesem Blog erfolgte mit freundlicher Genehmigung.

Weitere Informationen zum musica viva Wochenende vom 7.-9. Juni 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.

Hier geht es zum Livestream des Konzerts vom 8. Juni 2018.


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