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2018/9 nmz

Interview mit Stephan Heuberger und Mark Andre

27.09.18 | Michael Zwenzner

Am 6. Oktober kommt es in der musica viva-Saison 2018/19 zu einem besonderen Zusatzkonzert in der Münchener Pfarr- und Universitätskirche St. Ludwig. Auf dem Programm steht neben Werken von Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen die Münchener Erstaufführung von Mark Andres 2018 vollendetem Orgelwerk iv 15 Himmelfahrt. Michael Zwenzner traf den Komponisten gemeinsam mit dem Organisten Stephan Heuberger während einer Arbeitsphase auf der Orgelempore von St. Ludwig zu einem Gespräch.

Michael Zwenzner: Denkt man im Zusammenhang mit der Neuen Musik an die Orgel, stößt man schnell auf den Namen Olivier Messiaen. Herr Heuberger, Sie sind ein ausgewiesener Messiaen-Spezialist, auch gilt die 1960 eingeweihte Beckerath-Orgel in der Münchner Ludwigskirche als besonders geeignet für seine Musik, wie für die französische Musik überhaupt. Wie kommt das?

Sephan Heuberger: Rudolf von Beckerath war eigentlich Hamburger und hat nach norddeutsch-barockem Vorbild gebaut, aber auch lange bei französischen Orgelbauern gelernt. Dadurch erhielt die Orgel einen französischen Einschlag, denn dieses Runde, Weiche des Klangs entspricht eigentlich weniger dem norddeutschen Klangideal. Es handelt sich also um eine Mischung beider Orgelbautraditionen. Schon als Student waren für mich zwei Musiker besonders faszinierend: Olivier Messiaen und Helmut Lachenmann. Beide schaffen aus ganz unterschiedlicher Warte spirituelle Musik. Messiaen hat eine Spiritualität, die stark katholisch geprägt war. Lachenmanns Musik war für mich ebenfalls immer spirituelle Musik, auch wenn er sich nicht explizit religiös ausdrückt. Auch deswegen ist es für mich jetzt so schön, Mark Andre kennengelernt zu haben, der sich dieser spirituellen Dimension wieder von einer ganz anderen Seite nähert.

Michael Zwenzner: … gerade wenn man bedenkt, dass Mark Andre einst bei Lachenmann studiert hat. Nun hat ja Lachenmann – wie viele Komponisten der Avantgarde im 20. Jahrhundert, darunter Carter, Lutosławski, Nono, Boulez, Grisey oder Nunes – nie für die Orgel geschrieben. Viele herausragende Komponisten der jüngeren Musikgeschichte begnügen sich in der Regel mit einem oder wenigen Beiträgen zur Orgelmusik, man denke z.B. an Schönberg, Xenakis, Feldman, Ligeti, Scelsi, Berio, Ferneyhough oder Sciarrino. Wie sehen Sie die Situation neu entstehender Orgelmusik heute?

Stephan Heuberger: Das Problem ist, dass es einerseits viele sehr gute Organisten gibt, die auch gute Stücke komponieren, die aber hinsichtlich des Tonsatzes eher von einer traditionellen Orgelvirtuosität her kommen. Andererseits gibt es viele Komponisten, die die Orgel gar nicht kennen, aber für sie schreiben, wo man dann mitunter sagen muss: Ja, es ist gut gedacht, aber es ist sehr schwer zu realisieren. Oft ist es auch so, dass man auf eine oberflächliche Art mit Effekten umgeht. Mark Andre hingegen geht äußerst differenziert auf das Instrument ein. Ich habe nirgends das Gefühl, dass er irgendwelche Effekte benutzt für seine Musik, sondern dass er die Struktur dahinter erkennt und damit umgeht. Wenige haben eine solche Geduld und Intensität in der Auseinandersetzung mit dieser unbekannten Welt der Orgel. Das finde ich sehr spannend und ich glaube, dass das auch etwas Einmaliges ist.

Michael Zwenzner: Herr Heuberger, wie ist denn die Idee zu diesem Orgel-Projekt mit Mark Andre entstanden?

Stephan Heuberger: Ich bin einfach auf die Musik von Mark gestoßen und war spontan begeistert, habe erst Kammermusik von ihm gehört, dann in der musica viva-Konzertreihe auch Orchesterwerke. Ein Schlüsselerlebnis war für mich vor vier Jahren die Uraufführung von Marks Oper Wunderzaichen in Stuttgart. Es hat mich selten eine zeitgenössische Oper emotional so sehr berührt. Und da ich wusste, dass Mark auch einen stark religiösen Hintergrund hat, entstand einfach der Traum, dass er etwas für die Kirche schreibt. Dabei war mir schon bewusst, dass der Transfer der sehr zerbrechlichen und fein gearbeiteten Klanglichkeit seiner Musik auf die Orgel ein Problem darstellen könnte. Man könnte sagen, dass die Orgel ja von Natur aus eher ein massives, grobes Instrument ist, bei dem man eher in Klangblöcken denkt. Da dachte ich mir, dass das eigentlich eine interessante Herausforderung für Mark sein könnte, und spannend zu erfahren, wie er sich diesem Instrument nähern würde …

Michael Zwenzner: Deine Werke sind für eine präzise Kodifizierung und kontrollierte Arbeit am Klang, am Geräusch und an der räumlichen Bewegung bekannt. Unter diesen Vorzeichen dürfte eine kompositorische Schwierigkeit in der Annäherung an die Orgel darin liegen, dass es sich bei jedem Instrument (besonders wenn man auch den Aufführungsraum mit seinen akustischen Eigenschaften hinzudenkt) um ein Unikat handelt. Wie gehst Du damit um, wenn am Ende des Arbeitsprozesses eine Partitur stehen soll, in der das klangliche Geschehen möglichst präzise gefasst und wieder abrufbar sein soll?

Mark AndreEs stimmt, es ist gerade wegen dieser komplexen Situation, die Du schilderst, für mich eine große Herausforderung, für die Orgel zu schreiben. Es handelt sich jeweils um völlig verschiedene Instrumente, auch verschiedene Ästhetiken der klanglichen Präsentation. In diesem Stück geht es mir um musikalische Prozesse des Entschwindens, des Verschwindens, und zwar im Hinblick auf verschiedene Klang- und Aktionstypen. Und ich glaube schon, dass es uns da gemeinsam gelungen ist, eine Typologie neuer Klangsituationen zu entwickeln, die auch auf andere Instrumente übertragbar ist, wobei ich Stephan für die gemeinsame Klangrecherche sehr dankbar bin. So gibt es in meinem Stück nun doch viele zerbrechliche Momente und auch andere Typen von Virtuosität, bei der es etwa um das Hören geht.

Stephan Heuberger

Stephan Heuberger: Wir haben eben Wege gefunden, diese Zerbrechlichkeit auf der Orgel zu realisieren, indem man etwa den Motor ausschaltet, so dass der Luftdruck nachlässt. Damit entsteht genau ein solches Entschwinden – ein Sterben auch, wenn man so will – von Klang. Wir haben dann erforscht, wie man diese Momente des Entschwindens von Klang gestalten kann, etwa indem man in ein solches Decrescendo ein Crescendo hinein registriert und damit paradoxe Wahrnehmungssituationen schafft. Oder indem man so einen sterbenden Klang durch Registrierungen farblich changieren lässt. Auch György Ligeti hat in Volumina mit dem Abschalten der Luftzufuhr gearbeitet, seine Partitur aber nur sehr grob grafisch notiert, so dass man sie je nach Orgel eigentlich neu bearbeiten muss. Im Vergleich dazu geht Mark Andre viel differenzierter vor. Das ist eine ganz andere Kategorie von Genauigkeit. Dabei geht es für mich als Spieler darum, sehr genau darauf zu hören, was gerade erklingt, um musikalisch schnell zu reagieren. So entsteht eine eigene Art von Virtuosität, bei der man nicht unbedingt mit Tönen, sondern mit Registrierungen arbeitet, was gleichzeitig auch zu einer Virtuosität des Hörens führt.

Michael Zwenzner: Mark, welche kompositorischen Konzepte verfolgst Du neben der Arbeit mit diesen neuen Klangtypen? Rekurrierst Du z.B. auf traditionelle Satztechniken, wie sie in der Geschichte der Orgelmusik in Gestalt von Kanon, Fuge, Toccata oder Choral auftraten? Und gibt es Pläne, dieses Stück in einen entsprechenden musikhistorischen Kontext zu heben?

Mark Andre: Es wird in dem Stück, das ungefähr 20 Minuten dauern soll, viele kanonische Prozesse geben, die sich zum Beispiel durch Diminutionen und Augmentationen weiter entfalten. So entsteht auch ein Bezug zur Tradition, was sich auch auf das Programm auswirkt.

Stephan Heuberger: Eine schöne Idee, die von Mark selbst kam, war das Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach. Das ist ein Titel, der die Bedeutung des Werkes gar nicht widerspiegelt. Das klingt so klein, ist aber ganz große, unglaublich konzentrierte Musik, eben im Miniaturformat.

Mark Andre: Ja, ganz phantastisch, wie die Musik von Anton Webern. Es geht in meinem Stück also einerseits um die Entfaltung dieser Familie von Klang-Aktions-Zeit-Typen innerhalb verschiedener Prozesse des Entschwindens, andererseits um die Anwendung des Kanonprinzips zur strukturellen Verstärkung. Dabei kann der Kanon durchaus auch etwas mit Verschwinden zu tun haben, wenn man ihn zum Beispiel mechanisch präsentiert oder fragmentiert. Diese Prozesse des Verschwindens assoziiere ich persönlich mit der Situation der Himmelfahrt, der Aufhebung des Körpers oder – in der Musik – des Klangkörpers. Ich bin unglaublich fasziniert von der Situation der Himmelfahrt des Herrn oder auch des Entschwindens des auferstandenen Herrn während des Abendmahles in Emmaus. Die Idee des Verschwindens ist also nie als Negativität oder Dekonstruktivismus gedacht.

Dieses Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, welche der Neuen Musikzeitung vom September 2018 beiliegt.

Weitere Informationen zum Orgelkonzert mit Stephan Heuberger am 6. Oktober 2018 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.


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