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VERFEINERTES HÖREN - Mittelalterliche und zeitgenössische Klänge in Kombination

05.11.16 | Egbert Hiller

Für das musica viva "Late Night"-Konzert am 16. Dezember 2016 bearbeiteten der Geiger Helge Slaatto und der Kontrabassist Frank Reinecke Musik von Guillaume de Machaut (um 1300 – 1377) und Philippe de Vitry (1291 – 1361). Ihren Arrangements stellen sie Werke von Chris Newman und Wolfgang von Schweinitz gegenüber. Egbert Hiller spricht mit Frank Reinecke im Interview über die Kombination von Musik aus dem Mittelalter und zeitgenössischer Musik.

Foto: Helge Slaatto und Frank Reinecke (c) Ewa Skowronska Slaw

Egbert Hiller: Altes und Neues in Beziehung zueinander zu setzen ist der Kern ihres Projektes. Wie entwickelte sich diese Programmidee?

Frank Reinecke: Wir wollen die Musik von Machaut und Vitry mit den Mitteln der „verfeinerten Intonation“ in unsere Zeit übertragen. So orientieren wir uns nicht an Spekulationen über die damalige Aufführungspraxis, sondern vor allem an der Musiktheorie des 13. und 14. Jahrhunderts. Als relevantes Stimmungssystem dieser Musik kommt nur die so genannte „Pythagoräische Stimmung“ in Frage. In dieser „reinen“, nicht temperierten Stimmung fanden wir den Schlüssel für die Entfaltung einer ungeheuren Expressivität.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich sind auch die Stücke von Chris Newman und Wolfgang von Schweinitz. Sie korrespondieren auf eigentümliche Weise mit den Klängen aus der Zeit der „Ars nova“, der Machaut und Vitry zuzurechnen sind.

Hiller: Stichwort „Ars nova“. Was fasziniert Sie an dieser musikgeschichtlichen Epoche und was ist das Besondere an Machaut und Vitry?

Reinecke: Hervorzuheben ist die atemberaubende Balance zwischen Schlichtheit und Komplexität, ihre auf Innenspannung ausgelegte Harmonik, die „würzige“ Dissonanzen und erlösende Verschmelzungen harsch konfrontiert.

Machaut dichtete und komponierte leidenschaftliche Liebeslieder. Vitry hingegen verknüpfte seine revolutionären Erfindungen mit der beißenden Satire des so genannten „Roman de Fauvel“. Erzählt wird darin die allegorische Geschichte eines Esels, der seinen Stall verlässt und derart Karriere macht, dass ihm selbst Papst und König zu Füßen liegen.

 

Wolfgang von Schweinitz (c) Tomasz Trzebiatowski

Foto: Wolfgang von Schweinitz (c) Tomasz Trzebiatowski

Hiller: Auf Seiten des Zeitgenössischen wählten Sie Werke von Chris Newman und Wolfgang von Schweinitz aus…

Reinecke: Newman ist ein kompromissloser Komponist, Maler, Zeichner und Dichter. Seine „Symphony No. 10“ ist – sehr überraschend – eine „Symphonie“ für nur zwei Instrumentalisten! Doch der Titel ist stichhaltig, da sie in ihrer archaischen Reduzierung auf Melodie und Bass eine erstaunliche „Vollständigkeit“ des Klanges aufweist. Zudem bemerkte Newman, dass alles aus Beethovens fünfter Symphonie stamme. Er transformierte diese allerdings so gründlich, dass wir nicht die geringste Spur von ihr gefunden haben. Charakteristisches Merkmal seiner „Symphony No.10“ ist eine Art surrealer Kontrapunkt, der verblüffend an die Musik der „Ars nova“ gemahnt.

 

Wolfgang von Schweinitz ist ein Meister der Poesie im Hinblick auf die „Just intonation“, womit die „reine“, nichttemperierte Stimmung gemeint ist. In „Plainsound Study No.1“ verwendete er die Intervalle zwischen den ersten fünf Naturtönen. Das führt zu einer äußerst subtilen Klanglichkeit, die diese kleine, bewegende Komposition extrem reizvoll macht.

Hiller: Und mit diesem Konzept schließt sich auch der Kreis zur alten Musik?

Reinecke: Ja, um die Musik von Machaut und Vitry mit „reiner“ Stimmung zum Leben zu erwecken, wenden wir die gleichen Methoden an, die wir uns anhand der Werke von Wolfgang von Schweinitz angeeignet haben. Es geht dabei um die Einladung zu  verfeinertem Hören – um Re-Sensibilisierung der Wahrnehmung von feinsten Nuancen und Empfindungen, die im Zuge der gleichstufig temperierten Stimmung so gut wie verloren gegangen sind.

Das Gespräch führte Egbert Hiller. Das gesamte Interview finden Sie in der Sonderveröffentlichung der musica viva des Bayerischen Rundfunks welche der Neuen Musikzeitung von September 2016 beiliegt.

Weitere Informationen zum Late Night Konzert am 16.12.2016 finden Sie auf www.br-musica-viva.de.

RANDNOTIZ

Pythagoräische Stimmung

Autor: Frank Reinecke

Als „Pythagoräische Stimmung“ wird ein in der Antike wurzelndes Tonsystem bezeichnet, welches aus übereinander gefügten reinen Quinten konstruiert ist. Im 14. Jahrhundert war sie das gängige Stimmungssystem. Die ersten Orgeln in den damals neu erbauten Kathedralen waren pythagoräisch gestimmt.

Dieses aus mathematischen Gesetzmäßigkeiten entwickelte Intonationssystem brachte eine reiche Symbolik göttlicher Ordnung mit sich, in welchem die reine Oktave, Quinte und Quarte gemäß ihrer Konsonanzwerte an höchster Stelle standen. Die große Terz dagegen galt als sündhaft, denn sie klingt in diesem System scharf dissonant, da sie aufgrund ihrer Herleitung aus übereinander gestimmten Quinten um ein sogenanntes „Syntonisches Komma“ größer ist als die dem Ohr wesentlich harmonischer klingende „Naturterz“. Diese rein gestimmte große Terz mit dem Schwingungsverhältnis 4/5 kam erst mit der Einführung der „Mitteltönigen Stimmung“ um 1520 groß in Mode, und mir ihr das Dur-Moll-System.

Die „Pythagoräische Terz“ (81/64) besticht in der melodischen Linie durch ihr expressives Potential, in der harmonischen Vertikale jedoch klingt sie sehr dissonant und lässt sich mit dem Ohr nicht exakt ausstimmen. Diese Tatsache stellte ein fortwährendes Problem vor allem der vokalen Aufführungspraxis dar, nicht dagegen bei der Orgel. Bei der Ausführung mit Streichinstrumenten bietet die Stimmung der leeren Saiten in reinen Quinten eine schlüssige Grundlage.

Die pythagoräische Tonleiter kennt nur den großen Ganzton 9/8 mit 204 Cent, im Gegensatz zur „reinen Stimmung“, welche zwischen großem (9/8) und kleinem Ganzton (10/9) unterscheidet (wie zum Beispiel in der „Plainsound Study“ von Wolfgang von Schweinitz).

Ebenso gibt es in der Pythagoräischen Stimmung nur einen Halbton: das sogenannte Limma (256/243) mit etwa 90 Cent (zwei dieser ziemlich engen Halbtöne ergeben also noch keinen Ganzton, so wie es in der gleichstufig temperierten Stimmung der Fall ist; daraus erklärt sich die besondere melodische Brillianz der pythagoräischen Stimmung).

Die in der Renaissance übliche, und später sogar noch von den Mozarts unterrichtete Unterscheidung zwischen kleinem und großem Halbton („Semitonus Minor“ und „Semitonus Major“) findet im Pythagoräischen System noch nicht statt.


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