Minas Borboudakis, musica viva Probe im November 2020 © BR/Astrid Ackermann
16. Januar 2024 | Julian Kämper

Die ewige Energie

Minas Borboudakis, 1974 auf Kreta geboren, ist mit dem Meer aufgewachsen. In seinem neuen Orchesterwerk sparks, waves and horizons macht sich das bemerkbar, weil Borboudakis die Energie der Meereswellen und die scheinbare Bewegungslosigkeit des Horizonts als strukturelle und klangliche Gegensätze vereint. Im Interview mit Julian Kämper sprach der in München lebende Komponist über das Meer als Klangbild ständiger Erneuerung.

Kämper: Alle drei Begriffe im Titel wecken sofort musikalische Assoziationen. Werden sich unsere Hörerwartungen erfüllen?

Borboudakis: Zunächst: es ist keine Programmmusik. Ich wähle gerne Titel, die den Hörerinnen und Hörern bestimmte Impulse geben, die sie dann weiterentwickeln, erforschen oder imaginieren können. Man sollte eintauchen können, aber beim Hören trotzdem frei sein. Natürlich verbergen sich hinter einer Welle oder einem Funken prägnante musikalische Elemente, die uns allen möglicherweise im Ohr sind. Sie stehen hier in einer spezifischen Beziehung zueinander, weshalb die Reihenfolge, wie sie im Titel sparks, waves and horizons erscheinen, von Bedeutung ist.

Kämper: Also erst die Funken, anschließend – nach dem Komma – die Wellen und Horizonte als Begriffspaar.

Borboudakis: Um eine Welle in Gang zu setzen, bedarf es einer Zündung, einer Energie, einem Funken. Dieser Aspekt ist für mich sowohl ein musikalischer Moment als auch einer aus dem Leben. Heraklit schreibt in Bezug darauf πῦρ ἀείζωον – vom ewigen Feuer, von der ewigen Energie. In der zweiten Hälfte des Titels artikulieren sich dann zwei konträre Elemente: einerseits die Welle mit ihrer unglaublichen Bewegung und Energie, und andererseits der scheinbar unbewegte Horizont. Diese Klangbilder gehören zu den ersten Vorstellungen, die ich für dieses Stück hatte.

Kämper: Mit welchen musikalischen Mitteln erzeugen Sie Wellen und Horizonte?

Borboudakis: Zunächst: Die Welle als Strukturprinzip ist maßgeblich für die Großform des Stückes. Alles kommt und geht… Mit dem Meer als Inspirationsquelle verbinde ich ständige Erneuerung. Übertragen auf das Leben und auf die Musik steht es für immer neue Phasen, im Mikro- und Makrobereich gleichermaßen. So geht es auch um die Übersetzung groß- und kleinwelliger Abläufe in Klang. Der Horizont hingegen vermittelt sich durch langanhaltende Klänge. Es entsteht der Eindruck, dass es, ich sagte das schon, vermeintlich still und regungslos bleibt – bleibt es aber nicht. Denn es gibt stets Bewegung und ein Innenleben in dem andauernden Klang, wie eine Art Nanofunkeln.

Kämper: Sie erwähnten anfangs, dass der Titel auch mit Erinnerungen verknüpft sei – mit welchen?

Borboudakis: Kennen Sie das Gefühl, wenn man beim Untertauchen den Atem bis zur letzten Sekunde anhält, sodass man kurz vor knapp impulsiv die Wasseroberfläche durchbrechen muss, um wieder an Luft zu gelangen? Genau darum geht es in meinem Stück! Ich bin auf Kreta, also mit dem Meer aufgewachsen und habe mich schon immer auch physisch gern in die Wellen hineinbegeben. Ich kenne also diese spielerische Verbindung mit dem Wasser und dem Meer aus meiner Kindheit und sie versinnbildlicht die Energie, die in meiner Musik immer wieder ausbricht. Vielleicht könnte ich, um noch ein alternatives Bild zu zeichnen, auch sagen: wie bei einem Vulkan.

Kämper: Hören wir in Ihrer Musik überhaupt das Wasser?

Borboudakis: Nicht das Wasser an sich im naturalistischen Sinn, sondern die Bewegung und Energie, die im Wasser drinsteckt. Man wird beim Hören der Musik sofort bemerken, wo eine Welle bricht und wo sie sich wieder beruhigt. Aber es geht mir überhaupt nicht um die Beschreibung des Meeres oder das Pathetische darin. Es geht mir vielmehr um die Energie, die in allen drei Elementen von sparks, waves and horizons steckt. Das kann sich in einem riesigen Orchesterklang ebenso äußern wie in sehr fragilen Multiphonics bei den Klarinetten. […]


Dieser Blogbeitrag ist ein Ausschnitt des Interviews aus dem Programmheft des musica viva-Konzerts am 23. Februar 2024.

Milica Djordjević, Minas Borboudakis, Sofia Gubaidulina © LMN Berlin

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Duncan Ward

Freitag, 23. Februar 2024
Herkulessaal der Münchner Residenz

Ives: Central Park in the Dark
Djordjević: Mali svitac
Borboudakis: sparks, waves and horizons (UA)
Djordjević: Čvor
Gubaidulina: Konzert für Viola und Orchester

Mehr zum Konzert

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Komponist*innen & Werke
Jörg Widmann © Marco Borggreve
„Er ist wahrlich ein Sänger!“

Im musica viva-Konzert am 28. Juni richtet sich der Fokus auf den Komponisten, Dirigenten und Klarinettisten Jörg Widmann. Auf dem Programm steht auch sein Trompetenkonzert Towards Paradise [Labyrinth VI], das 2021 für den Solisten Håkan Hardenberger entstanden ist: die buchstäbliche Suche eines Einzelgängers nach Anschluss an die Gruppe. Im Gespräch mit Julian Kämper hat Jörg Widmann über die Idee des Labyrinthischen in seiner Musik gesprochen.

Komponist*innen & Werke
Bernhard Lang © Harald Hoffmann
„Radiowellen sind nicht durch Grenzen beschränkt“

Im musica viva-Konzert am 20. Dezember wird Bernhard Langs GAME 18 Radio Loops uraufgeführt: ein Kompositionsauftrag der musica viva/BR anlässlich 75 Jahre Bayerischer Rundfunk und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Dafür hörte sich der österreichische Komponist durch Audioarchivmaterial der ARD.

Komponist*innen & Werke
A "picture-in-sounds"

Mit Central Park in the Dark, entstanden 1906 und revidiert 1936, portraitierte Charles Ives seinen damaligen Lebensmittelpunkt, die Metropole New York, und erschuf gleichzeitig einen kompositorischen Erinnerungsort der USA als kulturelles Gedächtnis. So schreibt er im Nachwort der revidierten Fassung: „This piece purports to be a picture-in-sounds of the sounds of nature and happenings that men would hear (…) when sitting on a bench in Central Park on a hot summer night.”

Archiv